Von H. Scultetus

Die ersten, nur wenige Zentimeter langen Proben von Tiefseeschlamm hat im Jahre 1899 die deutsche „Valdivia“-Tiefsee-Expedition ans Tageslicht befördert. Inzwischen hat die Technik den Forschern bessere Mittel in die Hand gegeben. Wesentlich neue Erkenntnisse von den Verhältnissen in der Tiefsee – den Regionen unterhalb von 3000 Meter – brachte die jüngste Tiefsee-Expedition auf dem schwedischen Schulschiff „Albatros“ nach Hause.

Kalk und Kieselsäure sind es, aus denen die Gerüste und Hüllen der lebenden Organismen geformt sind, und die nach Absterben ihrer Baumeister in die ewige Nacht der Tiefsee versinken. In größeren Tiefen, in denen das Wasser kalkarm ist, lösen sich die aus Kalk bestehenden Überbleibsel organischen Lebens weitgehend auf. Deshalb ist die Zusammensetzung der Ablagerungen ab 2000 Meter ganz anders als oberhalb dieser Tiefenlinie. Die Kalkarmut bringt es auch mit sich, daß die Wirbeltiere der Tiefsee nur ein ganz kleines und zartes Knochengerüst aufzubauen vermögen. Wichtige Anhaltspunkte für ihre Entstehungsgeschichte ergeben sich aus der Schichtung der Ablagerungen. So läßt sich aus dem Wechsel der Reste von Kälte und Wärme liebenden Tieren eine entsprechende Folge verschiedener Klimate feststellen. Aus der Tatsache, daß ab 25 Zentimeter unter der Oberfläche des Tiefseeschlamms Überbleibsel Kälte liebender Arten überwiegen, schließt man, daß hiermit die Eiszeit gekennzeichnet ist, deren Ende auf 25 000 Jahre vor unserer Zeit anzusetzen ist, da im Jahrtausend nur etwa ein Zentimeter Schlamm hinzukommt.

Die Schichtung der Tiefseeablagerung läßt sich an bohrkernartigen Bodenproben ermitteln. Sie werden mit einem verschließbaren Rohr heraufgeholt, das am Ende des ursprünglich nur zur Tiefenmessung verwendeten Drahtes angebracht wird. Früher konnten damit Bodenproben bis höchstens vier Meter Länge gewonnen werden, da sich das Rohr nur durch sein Eigengewicht in den Meeresboden einzudrücken vermochte. Die Amerikaner bauten dann eine Art Kanone, in der die Röhre durch eine Explosivladung in der Nähe des Meeresgrundes abgeschossen und in den Boden hineingetrieben wurde. Die „Albatros“-Expedition bediente sich eines neuen Verfahrens: Mit Hilfe eines in der Lotröhre hochziehbaren Kolbens wird ein Unterdruck wie in einer Pumpe erzeugt, so daß sich das Rohr in den Boden hineinsaugt. Proben bis zu 15 Meter Länge ließen sich so erzielen. Dabei wurde in den seltensten Fällen der feste Meeresboden erreicht. Trotzdem konnte die Mächtigkeit des Tiefseeschlamms bestimmt werden, indem nämlich ein Echolot besonderer Art verwendet wurde: in Tiefen von 100, 400 und 800 Meter wurden Explosivladungen zur Entzündung gebracht. Die so erzeugten Schallwellen wurden zum Teil an der Oberfläche des Tiefseeschlamms zurückgeworfen, zum Teil drangen sie auch in ihn ein, wobei sich dann am festen Untergrund ein zweites Echo ergab. Aus dem Zeitunterschied der beiden Echos ließ sich die Mächtigkeit des Tiefseeschlamms auf 1700 Meter berechnen. Damit ist der Beginn der Ablagerungen etwa 170 Millionen Jahre vor der Gegenwart anzunehmen. Am Alter der Erde gemessen, das man auf zwei Milliarden Jahre schätzt, handelt es sich also um eine junge Bildung. Diese Einsicht ist für die Beurteilung der Enstehung des Weltmeeres von großer Bedeutung. Es könnte darauf geschlossen werden, daß es erst von jenem Zeitpunkt an seinen heutigen Zustand erreicht hat. Da die Loslösung Amerikas von dem Kontinentalblock Afrika/Europa in noch viel jüngerer Zeit erfolgt sein soll, so schließt der Leiter der „Albatros“-Expedition, Professor Hans Kontinental aus seinen Meßergebnissen, daß die Kontinentalverschiebungstheorie nicht mehr aufrecht zu erhalten ist.