Vor zwei Jahren, damals im Hungerwinter 1946/47 war das Wort „Kalorien“ in aller Munde. Siebenhundert Kalorien bekamen die Leute in Westdeutschlands Großstädten damals monatelang, und zweitausend gehören dazu, einen monatelang, Menschen zu ernähren, wenn er sich ruhig verhält und nicht arbeitet. Und dem hungernden Magen wurden zur Ermutigung immer neue Rechnungen in Kalorien präsentiert. Von morgens bis abends hörte man neue Kalorienzahlen, und kein Mensch wurde satt davon. Heute hat sich diese Situation geändert: das Wort „Kalorie“ ist aus dem Sprachschatz das Wort verschwunden, und wenn man heute der Ernährungsamt anruft und wissen will, wieviel Kalorien die Karte für Juli und August enthält, so wird man von einem Ressortleiter zum enthält, verbunden, und der letzte weiß es dann auch nicht.

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In der ersten Etage eines großen Mietshauses wohnt direkt rechts von der Treppe eine dreiundsiebzigjährige Witwe mit ihrem Hund. Der Hund ist eine Mischung zwischen Schnauzer, Dackel und Terrier und sitzt immer gerade auf dem Stuhl, auf den sich die alte Dame gern setzen möchte. So bleibt sie stehen und erzählt, daß sie eine Rente von 50 DM im Monat bekommt. Sie hat aber ausgerechnet, daß sie allein für das Abkaufen der Lebensmittelkarten im Monat 70 DM benötigt (die Nährmittel- und Brotmarken braucht sie dabei noch nicht einmal alle auf). „Mein ältester Sohn unterstützt mich“ sagt sie, „dann geht es gerade.“

Sie hat sich in diesem Jahr noch keine Eier, keine Tomaten, keine Kirschen – keine freien Lebensmittel kaufen können. Von anderen Anschaffungen gar nicht zu reden.

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„Ob wir unsere Lebensmittelkarten abkaufen können?“ fragt die schwarzhaarige junge Frau, die mit ihren Kindern und ihrem Gatten zwei Zimmer neben der alten Dame bewohnt. – „Ja, das ist so, mein Mann ist als Schlachter angestellt und der bringt das Fleisch manchmal sehr billig oder umsonst mit. Das Fleisch ist doch das teuerste, nicht wahr? Natürlich komme ich auch so nur gerade hin.“

„Kaufen Sie auch freie Lebensmittel?“ – „Nein, die sind viel zu teuer. Tomaten zum Beispiel kosten das Pfund 1,40 DM, die Eier immer noch mindestens 45 Pfennig. Wenn ich da für jeden ein Ei kaufe, wären das ungefähr 3 D-Mark. Mein Mann verdient 48 D-Mark in der Woche. Das kann ich mir nicht leisten.“