Rowohlt, der Verleger mit den vier Lizenzen (das heißt mit dem Recht, in allen vier Besatizungszonen Bücher erscheinen zu lassen), sagte: "Ich habe in den "Westzonen ein bestimmtes Buch jetzt schon in zweiter Auflage herausgebracht. Pappband. Ladenpreis acht West Mark. Dasselbe Buch habe ich für die Ostzone in Leipzig drucken lassen. Halbleinen Einband. Viel besseres Papier. Ladenpreis seehselnhalbe Ostmark. Es ist der Tucholsky Band Gruß nach vorn. Sie können sich vorstellen, was da schon bei korrekten Lieferungsmöglichkeiten hinüber und herüber für ein wahnsinniger Kuddelmuddel entstehen kann!" Nun, unser Student und Doktprant, er lebt von diesem Kuddelmuddel. Er ließ den Westund den Ostgroschen auf der Platte des Kneipentisches tanzen und sagte: "Zuletzt, als ich drüben war, zählte ich eine Westmarfc für sechs Ostmark. Für diese Ostmark kaufe ich Bücher. Mit Romanen — werden Sie verstehen — geb ich mich nicht ab: die erlebe ich selber. Ich hab mich auf wissenschaftliche Werke spezialisiert, auf Repetitorien und Kompendien, von denen ich ja selber nur zu gut beurteilen kann, wer sie in den "Westzonen braucht: meine Kommilitonen und die. In- Jer sagte es ) Aber offenbar war einst ein anderer stitute Dürfen?Natürlich "darf ich das nicht. Ich müßte — glaub ich — zumindest einen Gewerbeschein haben. Aber ich habe mir von dem Inhaber eines wissenschaftlichen Sortiments in Marburg bestätigen lassen, daß er an bestimmte Werke entweder überhaupt nicht oder nur unter großen Schwierigkeiten und für viel Geld herankommt. Ich aber komme ran! Neulich hat mir ein SED Polizist quer durch Leipzig für eine Schachtel Ami Zigaretten nachts zwei schwere Bücherfcoffer getragen!) Sehn Sie: Es gibt dicke Wälzer, die in den Westzonen gar nicht erschienen sind. Andere sind in schlechterer Ausstattung als in der Ostzone herausgekommen. Nun denken Sie beispielsweise an einen Arzt, der ein bestimmtes Handbuch immer wieder vom !Regal nimmt: das muß stabil gebaut sein — das Buch, nicht bloß das Regal! Schon deshalb ist er froh, wenn der ein solides Stück Buch erhält. Und es scheint, daß die Ostzone im allgemeinen nicht bloß das bessere Papier, sondern auch die besseren Druckereien zur Verfügung hat. Nicht umsonst war Leipzig früher die große deutsche Druckereizentrale. Aber das Wesentliche ist natürlich der billigere Preis (es gibt ja wohl nichts Ärmeres heutzutage als die jungen Akademiker). Ich bin in der Lage, meine geistige Schmuggelware unter Ladenpreis zu verkaufen. Die Buchhändler müssen eins zu eins rechnen, Westmark gegen Ostmark. Ich bin kein Buchhändler. Ich bin ein Schmuggler Und er wog den dunkleren Groschen gegen den helleren ab und sagte: "Dieser Groschen hier ist sechsmal so viel wert wie der andere. Das ist der Trick!" Übrigens hatte er sich ereifert im Gespräch, und die Luft in der Kneipe war ziemlich trocken, so daß seine schwarzgewichste Perücke sich aufgelöst hatte in lauter Locken. "Ist Bücherschmuggel gefährlich?" "Nee. Augenblicklich 1 hab ich einen Interzonenpaß. Ich habe außerdem je einen vollständigen Satz Personalausweise, sowohl für die britische als auch für die Ostzone. Das tut wohl nichts zur Sache, wie? Aber vor der Aufhebung der Blockade Berlins wars unbequem, manchmal direkt unangenehm zu schmuggeln, auch mit Büchern " Sollte man nach diesem Gespräch glauben dürfen, die Krise käme daher, daß in den Westzonen nicht genug Bücher vorhanden seien? Nein, der Bücherschmuggel ist im wesentlichen ein Spezialfail, der vor allem die Inhaber der wissenschaftlichen Sortiments betrifft. Es sind Bücher genug vorhanden. Die Läden sind brechend voll davon. Der Chef einer großen Buchhandlung am Kurfürstendamm in Berlin zum Beispiel, der monatlich tausend Mark Miete für seine Räume bezahlen muß, gestand, daß er bei (vollen Regalen in der leisten Jni Woche sda häufig eine Tageseinnahme von noch nicht zehn D Mark hatte So haben die Buchhändler Norddeutschlands an "Seine Hoheit", den Kunden, eine neue Parole herausgegeben: "Im Juli gilt die Büchermark". Zahlen wir jetzt eine Mark, so werden uns dafür drei Mark auf den Preis des Buches angerechnet, also daß ein Band, der bisher für sechs Mark feilgeboten wurde, nur noch zwei D Mark kostet (Wobei es sich allerdings "um Bücher handelt, die vor dem Anfang des Jahres 1949 herausgekommen sind, vornehmlich um solche, die broschiert oder in Pappbänden und in sogenannter Reichsmarkausstattung erschienen sind ) Immerhin, nicht nur das Schlagwort von der "Büchermark", die im Juli gilt, ist geeignet, Kunden anzulocken, sondern verlockend sind vielfach auch die Schaufensterdekorationen, die zeigen, daß eine Menge Bücher auch leute noch etwas taugt, obwohl sie (vor oder fauts nach der Geldreform erschienen sind.

"Hilft dieses Schlagwort uns, neue Gäste ins Geschäft zu laden, dann wollen wir fürs erste zufrieden sein", meinte ein Buchhändler in Hamburg. Sprachs und gab Gelegenheit, die angelockten Gäste zu studieren. Und nicht nur die Gäste.

Freitag nachmittag fünf Uhr "Was ist Carossa?", flüsterte die junge Verkäuferin mir zu. Hatte doch tatsächlich ein Herr von etwa fünfzig Jahren gefragt, ob Carossa auf Lager sei! "Nun", gte ich, "wollen wir einmal raten? Kartenspiel oder eine neue Sorte von Marzipan?" Das kleine Fräulein errötete sehr, während der Ohef den Gedichtband Carossas mit einem einzigen Griff aus einem der hinteren Regale heraussuchte. wissen, was sie wollen sie wissen oft besser Bescheid als die jungen Verkäufer). Sie bestellen, zählen, v gehen. Mag sein, daß es früher diesen Typ noch häufiger gegeben hat (Der BuchhändTyp noch weitaus häufiger —: "Es gab Leute", sagte der Sortimenter, "die brachten es, wenn der Monatserste gewesen war, überhaupt nicht fertig, an ihrem Buchladen vorbeizugehen. Sie guckten, kramten, unterhielten sich, wollten wissen, was an neuen Büchern erschienen war. Und kauften sie auch nicht immer, so fühlten sie sich doch wenigstens zugehörig. Diese Kunden waren uns immer die liebsten. Und sind es noch heute, wo sie Seltenheitswert besitzen, wenigstens in den Großstädten Wenn einer sein Lebtag Bücher "gefressen", auch zeitweilig davon gelebt hat, daß er gegen Honorar welche las, wenn einer, der sich beispielsweise als Sekundaner von seinem Taschengeld und auf Abzahlung den "Untergang des Abendlandes" gekauft und dies bis heute nicht bereut hat , wenn so einer heutzutage unter der Maske eines Verkäufers in einem Buchladen sein Röllchen zu spielen versucht, dann hat er Grund, erstaunt zu sein.

Kunde in den Laden, der im Sinne dessen, was der Inhaber des Geschäftes vorhin gesagt hatte, "zugehörig" gewesen wäre. Allerdings, der Laden blieb nicht leer — das nicht! Es kamen aber zehnmal weniger Leute als an einem Freitagnachmittag vor der Geldreform gekommen waren. Damals waren die Regale ziemlich leer, jetzt sind sie gefüllt. Einer kam: der drückte sich sogar freundlich über die Lage auf dem Büchermarkt aus, indem er sagte: "Man kann ja heute wieder alles haben Und mit dem Worte "alles" meinte er — wie sich im "Verkaufsgespräch" herausstellte — ausschließlich Bücher, die er früher schon besessen hatte. Es fielen sogar Autorennamen wie Ganghofer, Herzog, Heer — Mit vereinten Kräften versuchten wir, ihm neue Autoren anzuempfehlen, Schriftsteller, die — wie wir laut und eindringlich sagten — künstlerisch und menschlich um ein neues Weltbild rangen, und mit denen man sich auseinandersetzen müsse. Und wir nannten deutsehe Namen wie Elisabeth Langgässer, Ernst Kreuder, Wolfgang v. Niebelschütz, Erich Nossack, Anna Seeghers, Hermann Kasack, Martin Stiebing. Und wir nannten so berühmte ausländische Namen wie Hemingway, Faulkner, Wilder, Tyde Monier, Andre Gide. Nichts zu machen! Unser Kunde klemmte sich die "Barrings" unter den Arm (erwähne ichs hier, so soll nichts gegen dieses Buch des ostpreußischer Erzählers Simpson gesagt sein!) und war zufrieden. Die "Barrings" hatte er früher besessen. Er wollte sie wieder haben. Leserglück der Erinnerung .

Es war ein Buchhändler in Hatnfourg Altona, der uns kurz darauf dieselbe Beobachtung mitteilte: "Es ist eine Tatsache", meinte er, "daß noch nie so wenig Bücher gekauft wurden wie jetzt, aber ich glaube, daß die Frage nach den Gründen dafür meist schlecht beantwortet wird. Die stets zitierten Argumente heißen —: zu hohe Herstellungskosten, daher zu hohe Buchpreise, Schlechter Einband, minderwertiges Papier, fehlende Autoren. Dabei bietet der Buchhandel heute schon soviel Gutes, daß all diese Entschuldigungen kaum noch gelten können. Übrigens, was zu teuer erscheint oder noch fehlt, wird im Antiquariat reichlich und billig angeboten. Wo sind die Raucher, die keine Zigaretten mehr kaufen, weil ssie den dreifachen Friedenspreis kosten? Wer geht jetzt nicht mehr ins Kino, der es früher tat? Mit einem Wort: Viel mehr als am Geld fehlt es am echten Leser. Welcher wahre Lese Besessene ließe sich abhalten, Bücher von Verlaine oder Wassermann als Reclamheft oder Werke moderner Amerikaner als Ro Ro Ro Druck %u erwerben, wenn die ge—fist? All jene Käufer, die jeden Kriminalroman am liebsten in Halbleder mit Goldschnitt verlangen möchten, sind ja gar keine echten Kunden des Buchhandels? sie würden Bücherauch in Apotheken kaufen, wenn sie dort feilstünden. Sie wollen doch nur ihre Wände und Schränke mit dekorativen Rücken füllen, die sie dann zeigen können, wie die Hausfrau ihre Vorräte in Konserven und gebügelter Wäsche zeigt. Jawohl, Konseryen werden noch gekauft, altbekannte Bücher im vertrauten, soliden Gewand des Ganzleinenbandes, Erinnerungen an verlorenen Besitz oder einstige Lese Erlebnisse, in jedem Fall: Erinnerungen ( Nein, Joseph Conrad kaufe ich nur in der alten, gelben Fischer Ausgabe, so hatte ich ihn ja schließlich auch früher ) Und wo sind die jungen Leser, welche die ersten Schritte in literarisches Neuland tun und die für wenig Geld einen Ro Ro Ro Druck nach dem ändern erwerben und so sympathisch viel durcheinander lesen und mit heißen Ohren ihre ersten Entdeckungen erleben? Wo sind die Jungen, die lesen lernen? Die Krise des Buchhandels ist nicht so sehr eine finanzielle, als eine geistige Krise. Und wenn davon gesprochen wird, sie zu beheben, dann sollte man sagen: Die Aufgabe heißt, Leser zu schaffen!"