Von Gustav René Hocke

Liebe Freundin!

Ich befinde mich in einer heiklen Lage, denn ich soll tröstend auf Ihre Klagen antworten, wie es denn wohl zuwege komme, daß Sie, eine so hervorragende Schriftstellerin, heute in Zeitungen kaum noch gedruckt würden, weil man Ihre Ausdrucksweise für „zu hoch“ halte; sie versäumen sogar nicht, mit einem überzeugenden Ausdruck tiefer Gekränktheit mich an das Urteil eines Ihrer Kritiker zu erinnern, der einmal schrieb, sie vereinten Geist mit einer fast bedenklichen Neigung zur Allgemeinverständlichkeit.

Nun, ich, der „Mann der Straße“, der ich überhaupt nicht schreibe, es sei denn hin und wieder Briefe an Sie und an meine Verwandten, dafür aber gerne lese, um nur ein Bild vergangener Zeiten und zeitgenössischen Lebens zu verschaffen, ich also, der „Mann der Straße“, bin in einer so heiklen Lage, weil ich, wie Sie sehen werden, Schuld bin an Ihrem Ungemach. Sie werden, begreifen, wie unbehaglich es einem zumute sein muß, der das Unglück eines andern verschuldet ohne es zu wollen.

Das nämlich müssen Sie mir zugute halten, bevor ich Ihnen alles erkläre: ich bin in Wirklichkeit unschuldig, aber – wie soll ich sagen – in der Auswirkung gewisser Bestrebungen, die im Hinblick auf meinen Rang als „Mann der Straße“ zu beobachten sind, doch schuldig. Mit meinem „Rang“, wenn ich meine anonyme, aber allmächtige Stellung in der menschlichen Gesellschaft von heute so bezeichnen darf, wird nämlich ein merkwürdiger Kult getrieben; ja, ich bin mit Millionen meinesgleichen zum neuen gebündelten „Führer“ meiner Zeit avanciert, man hat mich vergöttlicht, allerdings nur – lassen Sie es mich rasch einflechten, damit ich nicht zu pathetisch werde – um mir das Geld leichter aus der Tasche zu ziehen.

Meine Lage wird immer heikler, denn anstatt Ihnen. Trost zu spenden, fühle ich mich arg gedrängt, selbst ein Lamento auszurufen.

Ich sagte Ihnen schon, man treibe mit meinem Rang einen Kult. Sie ahnen kaum, was und wie man mir alles Erdenkliche opfert. Da las ich doch kürzlich eine Zeitungsnotiz, in welcher mit einem kurzen Wort anläßlich eines siebzigsten Geburtstags der bedeutenden Leistung eines hochverdienten Buchverlegers gedacht wurde; hinzugefügt wurde nur noch, daß der bloße Hinweis auf diese Leistung hochtrabende Artikel über den Genannten erübrige. Verstehen Sie das? Begreifen Sie vor allem meinen Ärger? Ich wußte nämlich gar nichts von dieser Leistung, die so kurz und bündig gepriesen wurde, und daher war natürlich – Sie kennen mich ja – meine besondere Neugierde erweckt. Rechts und links in diesem Blatt sprangen mir dafür um so lebhafter aufgemachte Meldungen über allerlei Nichtigkeiten in die Augen, von denen der betreffende Zeitungsverleger offensichtlich annahm, daß sie mich mehr fesseln würden als Einzelheiten über die bedeutende’ Leistung seines Kollegen, des so beispiellos knapp gefeierten Buchverlegers.