GW, London, Mitte Juli

Für uns Deutsche, die wir bereits eine Generation „goldfrei“ leben, muß das britische Gold- und Dollarkissen von 406 Mill. £ – immerhin 5,35 Milliarden DM – recht weich und sanft erscheinen. Wenn dies eine „weiche“ Währung ist, wie muß dann eine „harte“ Währung beschaffen sein?

England jedenfalls beunruhigt sich, daß sein Kissen immer leichter wird – trotz der Damen, die ständig neu hineingesteckt werden. Im Jahre 1947 betrug der Schwund 153 Mill. £, 1948 betrug er 54 Mill. £ und im ersten Halbjahr 1949 betrug er bereits 51 Mill. £. So ist man bei 406 Mill. £ angelangt, nachdem man vor Jahresfrist öffentlich erklärte, daß 500 Mill. £ die untere Sicherheitsgrenze seien und „unter Eingeweihten“ leise flüsterte, daß die „aller“unterste Grenze bei 300 Mill. £ liege.

Wohin sind nun in den letzten drei Monaten 65 Mill. £ der britischen Gold- und Dollar-Reserven entschwunden? Es handelt sich teils um ausgebliebene Eingänge, teils um unerwartet hohe Ausgänge. Zu den ersteren gehören Mindererträge aus Rohstoffverkäufen des Empire an die USA. Fünf Produkte: Wolle, Gummi, Jute, Zinn und Kakao, brachten im ersten Quartal 120 Mill. im zweiten nur rund 60 Mill. $ aus den USA – teils fielen die Preise, teils die Mengen. Bei den britischen Fertigwarenverkäufen in den USA sanken hauptsächlich die Mengen: das Ergebnis ist ein Monatsdurchschnitt von 14 statt 24 Mill. $. Amerikanische Krisenbefürchtungen und Abwertungshoffnungen (beim Pfund) veranlaßten die amerikanischen Käufer zum Abwarten. Die Hoffnung auf die Pfundabwertung (noch hat Cripps das Wort!) kostete England außerdem noch einiges an Dollar für diskrete Stützungskäufe am „freien“ (schwarzen) New Yorker Devisenmarkt. Hinzukommt der britische Goldabfluß nach Belgien und der Schweiz, zwei „Hartwährungs“-Ländern, in denen britische Waren als zu teuer nicht mehr im bisherigen Umfang gekauft werden.

Die Engländer sind zudem nicht allein gewesen in der Überschätzung ihrer Dollar-Balance. Australien glaubte, für 1948/49 mit einem Dollar-Defizit von 90 Mill. $ auskommen zu können (zu decken aus dem britischen Dollar-Pool). In Wirklichkeit wurden es fast 120 Mill. $. Südafrika forderte von England den größeren Teil des vor wenig mehr als Jahresfrist gewährten 80 Mill. £-Goldkredit $ zurück, teils in Sterling, teils in Dollar. Indien und Pakistan brauchen Dollar für Maschinenkäufe – und verlangen Dollar für Teile ihrer eingefrorenen Sterling-Guthaben. Schließlich braucht England für größere Beschäftigung in Lancashire mehr Baumwolle – gegen Dollar. Alle diese Schüttelungen des britischen Dollar-Kissens addieren sich zu dem beängstigenden Verlust, der in den Monaten Juli bis September in mindestens dem gleichen Tempo anhalten wird. Bis September aber soll die britische Drohung der Einfuhreinschränkung aus Dollaria Tatsache werden; wenn nicht Amerika bis dahin sich und England anders hilft – Finanzminister Snyder ist unterwegs.