In einer Vorbemerkung zu seinem Schauspiel „Die Verschwörung“ spricht W. E. Schäfer von der erschreckenden Erscheinung des „vollkommenen Vergessens“ jener Ereignisse, die den einzigen sichtbaren Versuch darstellten, die Tyrannis Hitlers zu beseitigen. Nur fünf Jahre sind es her, daß am 20. Juli 1944 Hitler und der NS-Staat durch eine Verkettung von Zufällen, menschlichen und technischen Fehlern ihrem Ende entgingen, um desto fürchterlicher durch sich selbst zugrunde zu gehen. Soviel schon über die zwölf Stunden von Mittag bis Mitternacht des 20. Juli geschrieben worden ist, so ist dies alles, wenn es als zuverlässig gelten kann – und das ist nicht sehr viel –, begreiflicherweise nicht vollständig, da die Hauptbeteiligten nicht mehr leben und die anderen nur Ausschnitte sahen. Die immer wiederkehrenden, scheinbar genau informierten Berichte aber sind fast durchweg ungenau und mischen Richtiges und Falsches durcheinander. Deshalb ist eine stetige Ergänzung des Bildes aus einwandfreien Quellen notwendig, in den folgenden Zeilen schildert als Augenzeuge einer Reihe von Vorgängen im Hauptquartier ein damaliger Generalstabsoffizier in der Operationsabteilung, was er am 20. Juli erlebte.

Um die Mittagszeit des 20. Juli bin ich in Angerburg. Es sind Vorbereitungen zu treffen für die Verlegung des Hauptquartiers von Ostpreußen nach Zossen bei Berlin. Die Sowjets stehen nur 75 Kilometer entfernt. Der 20. Juli ist zum Umschalttag bestimmt worden; das heißt: sämtliche Nachrichtenverbindungen sollen heute über Berlin geschaltet werden, ein Vorgang, der Stunden in Anspruch nimmt.

Unerwartet kommt ein Offizier meiner Abteilung nach Angerburg: „Der Chef und der Oberst sind verunglückt. Da Sie nicht da waren, ist Krückeberg hinbestellt worden.“ Der Chef ist Generalleutnant Heusinger, der Oberst ist Brandt, der nächstälteste Offizier der .Operation’ bin ich. Heusinger – in Vertretung des seit Ende Juni erkrankten Chefs des Generalstabes Zeitzier – und Brandt waren wie üblich gegen 12.30 Uhr zur ‚Lage‘ nach Wolfsschanze gefahren. Jetzt ist es kurz vor 15 Uhr.

Ich ahne, was das „Unglück“ ist. Als Stauffenberg das letzte Mal bei mir gewesen war, hatte er gesagt: „Verlaß dich darauf, es wird etwas geschehen!“ Eine kaum zu verbergende Erregung packt mich. Ich fahre sofort zurück in den Mauerwald. Auf dem breiten Weg zur Baracke kommt mir Oberst Hahn, der Chef des Stabes von General Fellgiebel, dem Chef des Heeresnachrichtenwesens, mit totenblassem Gesicht eilig entgegen. „Attentat auf den Führer. Hitler lebt. Vorsicht, alle Telefonleitungen werden von SS überwacht. Mehr weiß ich nicht.“ Und nach einer Pause: „Wenn sie mich doch nur gefragt hätten, ich hätte ihnen gesagt: An jedem anderen Tag, nur heute nicht...!“ Er, der wie Fellgiebel an den Vorbereitungen zum Umsturz beteiligt gewesen war, spielt damit auf die Umschaltung an, die sich nachrichtenmäßig sehr ungünstig auswirken muß. Die Beherrschung des Nachrichtennetzes aber ist entscheidend. Kurz darauf ist Krückeberg zurück. Er berichtet Näheres ...

Ich muß die operativen Nachmittagsmeldungen verarbeiten; der Krieg geht ja weiter. Um 19.45 Uhr läutet der Fernsprecher. Es meldet sich General Kinzel, der Generalstabschef der Heeresgruppe Nord. Ohne Begrüßung fragt er: „Was ist eigentlich bei euch los?“ Ich sage ihm, was ich an Tatsachen weiß. „Das meine ich nicht. Es muß noch mehr los sein. Bitte, schreiben Sie auf, was ich Ihnen jetzt sage.“ Und dann diktiert er mir den Wortlaut eines vor etwa zehn Minuten stattgefundenen Telefongesprächs zwischen ihm und Stauffenberg und anschließend zwischen ihm und Generaloberst Beck. Stauffenberg habe ihm gesagt, daß die Befehlsgewalt allein von Berlin ausgehe, von Beck und Witzleben. Dann hat Beck befohlen, daß die Heeresgruppe Nord sofort alle Vorbereitungen für ein Absetzen aus ihrer hoffnungslos exponierten Lage an der Ostgrenze des Baltikums auf die Düna durchzuführen habe. „Sie wissen“, sagt Kinzel abschließend zu mir, „daß dies die einzig vernünftige Lösung ist. Wir haben dies oft genug geneidet, aber wir können doch nicht einfach Beck gehorchen, ohne zu wissen, was los ist. Was sollen wir tun?“ Ich sage: „Ich weiß bisher nichts von einer Änderung der Befehlsgewalt. Auf jeden Fall bitte ich, operative Befehle nur von der Operationsabteilung, das heißt im Augenblick nur von mir, anzunehmen.“ Das Gespräch ist zu Ende. Ich weiß jetzt definitiv, daß die Aktion rollt, aber wohin?

Ich gehe zu Stieff, der in seinem Arbeitszimmer sitzt, kaum fähig, seine Unruhe zu verbergen. Bei ihm ein jüngerer Major, den er offenbar seiner herbestellt hat, um einen Zeugen für seine Worte und Handlungen zu haben. Ich berichte kurz. Er nickt: „Ja, da scheinen in Berlin einige Wahnsinnige einen Umsturz zu versuchen. Aber sie werden nicht weit kommen. Alle Gegenmaßnahmen sind getroffen.“ Schon vorbei? Es ist klar –: Stieff will mich auf diese Art und Weise orientieren, daß nichts mehr zu hoffen ist, und spricht zugleich bereits für seine eigene Verteidigung. Der Major sitzt schweigend dabei. Der Fernsprecher klingelt. Ich höre mit und erkenne die Stimme des Generalquartiermeisters, Generals Wagner, der bereits in Zossen ist. Trotz oder gerade wegen des gespannten Ernstes der Lage ist es in einer merkwürdigen Weise komisch, wie diese beiden in die Umsturzpläne eingeweihten Generale versuchen, sich gegenseitig ins Bild zu setzen, ohne sich zu verraten. Wagner berichtet von einem „unverständlichen“ Besuch Witzlebens in Zossen. Stieff spricht über Einzelheiten des Attentats. Seine Hände zittern.

Ich kombiniere: Wenn Witzleben wieder wegfuhr, wenn Wagner jetzt noch nicht weiß, wie es in Berlin aussieht, wenn Gegenmaßnahmen im Gange sind, überhaupt in Gang kommen konnten, dann muß alles gescheitert sein. Es ist kurz nach 22 Uhr. Eine Stunde später werden Stieff und Fellgiebel verhaftet.