Demokratische Achillesferse – Was die Bundeshauptstadt=Studenten sangen

Von Walter Henkels

A us dem Trojanischen Krieg ist die verwundbare Stelle des großen Achilles überliefert, seine Ferse. Nahe vor Ultimo, nämlich kurz vor der Auflösung des Parlamentarischen Rates, wurde sie auch in Bonn bemerkt, als ein sehr bekannter, viel genannter Abgeordneter das Parlamentsgebäude verließ, in sein Auto stieg und das nach oben gezogene Hosenbein seine Ferse sichtbar werden ließ. Frauen, die den Hang zur Ordnung haben, wären beim Anblick dieser Abgeordneten-Ferse erschrocken, denn sie offenbarte auf eine erschütternde Weise die Verwahrlosung gewisser zum Strohwitwertum verdonnerter Parlamentarier. Er wurde nämlich ein Loch im Strumpf des Herrn Abgeordneten bemerkt von der Größe eines Hühnereies. „Herr Professor“, erfuhr der so Bloßgestellte den Hinweis eines Zeugen, „Ihre Ferse!“

„Ich weiß, ich weiß“, bedankte sich der also Angeredete, der in den literarischen und historischen Gefilden genau so zu Hause ist wie in den politischen, „die Achillesferse, es ist die Stelle, wo Bonn verwundbar ist. Es wird Zeit, daß wir unsere Frauen mit nach Bonn bringen können“. Fuhr davon und ließ den anderen Mann bei seinen Betrachtungen.

5632 Betten

Es gab im Städtekampf Frankfurt–Bonn, der vorläufig (und wohl auch für eine längere Zeit) für Bonn entschieden wurde, bis vor kurzem wenig zuverlässige Fakten. Die öffentliche Meinung wurde mit nicht immer stichhaltigen Zahlen mobilisiert, die Polemiken verließen nicht selten den Boden der Sachlichkeit. Und für den verzweifelten Fight Frankfurt–Bonn habe, wie es Ministerpräsident Arnold ausdrückte, die Öffentlichkeit nur eins übrig: Kopfschütteln. Auch jene Achillesferse, die Unterbringung der Bundesorgane im Bonner Raum, erfuhr eine andere Betrachtung, als Nordrhein-Westfalens Premier durch seinen mit allen Wassern der Dialektik gewaschenen Ministerialdirektor Wandersleb den 300 Presseleuten einen schönen Schluck aus der präsidialen Kanzlei-Pulle verabreichte. Denn man hörte: Beim Zusammentritt der Bundesorgane werde mit einem „Unterbringungsbedarf“ für etwa 2500 Personen sofort zu rechnen sein. Die bisher getroffenen Feststellungen ergaben, daß im Bonn-Godesberger Raum unter Einschluß des rechten Rheinufers mit Honnef, Königswinter, Oberkassel, Siegburg und unter Einbeziehung der Teile des Landes Rheinland-Pfalz, die verkehrsmäßig leicht zu erreichen sind, 5632 Betten allein in Hotels und Fremdenpensionen kurzfristig zur Verfügung gestellt werden könnten. Dabei seien noch nicht die von Studenten während der Semester bewohnten Einzelzimmer in Betracht gezogen; gegebenenfalls könne ein Teil auch dieser Zimmer während der Ferien für Zwecke der Bundesregierung zur Verfügung stehen, ohne daß Wohnraum von Studenten auf die Dauer in Anspruch genommen werde.

Das Loch im Strumpf der Abgeordneten kann also als gestopft gelten.