II. Warum Theaterkrise? – Gespräche über den Sinn der Bühne

Von Jan Molitor

Indem die "Zeit" in der vorigen Ausgabe (vom 14. Juli) die Situation auf dem Büchermarkt behandelte, hat sie begonnen, die Hintergründe dessen zu klären, was man "Kulturkrise" nennt. Wir wollten diesen Versuch nicht durch Argumentation "von oben herab", sondern durch Aufzeichnungen von Beobachtungen und Gesprächen unternehmen. Im folgenden ist von der Situation des Theaters die Rede, das heute um seine Existenz zu ringen scheint.

Das war in Lübeck, Anno 1945, und die Theatererlebnisse in dieser Hansestadt mögen typisch gewesen sein, obwohl hier nicht, wie in so vielen anderen Städten, das Theatergebäude, das kurz vor dem Kriege eine moderne Drehbühne erhalten hatte, zerstört worden war. 1945 – Man sprach nicht mehr von deutschen Landschaften, man sprach von "Zonen"; nicht mehr von Mahlzeiten, sondern von Kalorien; nicht mehr von Reisenden, sondern von Flüchtlingen; nicht mehr von Wohnungen, sondern von "Unterkünften". Und trotz all dieser Wirrnisse war es für die Einheimischen wie für die Flüchtlinge quasi ein Stein des Anstoßes, daß die Besatzungsmacht das Theatergebäude beschlagnahmte und es der "Ensa" zur Verfügung stellte, einer Organisation, die – nicht unähnlich der soeben zugleich mit den deutschen Truppen untergegangenen "Truppenbetreuung" – die Aufgabe hatte, die britischen Soldaten künstlerisch zu erquicken, was vor allem hieß: sie zum Lachen zu bringen. Man benutzte eifrig die Drehbühne, hatte einen Mordsspaß daran. Nun konnte man sehen, wo in der Zone noch intakte Theatergebäude vorhanden waren: sie hießen nicht mehr "Stadttheater", sondern "Garrison-Theater". So in Hamburg, so in Celle, so vor allem in Lübeck, wo das Theater über geräumige Werkstätten verfügte. Daher wurde Lübeck "Ensa-Production-Centre". Dies geschah, während die Mitglieder des Stadttheaters und des Städtischen Orchesters sich aus der Untätigkeit oder der Gefangenschaft wieder zusammenfanden und während – übrigens mit Unterstützung durch einen – sympathischen jungen "Kunstoffizier", der im Zivilberuf Kunstmaler war – so etwas wie ein Kunstleben wieder hervorgerufen wurde. War es geistige Erneuerung? Oder war es Kunstbetrieb?

Als das Theater florierte

Nie sind in Lübeck so viele Menschen ins Theater gegangen wie in dieser Zeit, da die Lübecker nicht über ihr Theater verfügen konnten. Zwei große Säle (darunter ein Kinopalast, der Operettenhaus geworden) waren Abend für Abend gefüllt. Mochten die Zeitverhältnisse noch so miserabel sein – in Kunstdingen war man optimistisch. Ohne Rücksicht darauf, daß jedes neue Engagement das Stadtsäckel später belasten würde, verstärkte man das Orchester. Ein Privattheater tat sich außerdem auf. Zunächst nur für einige Nachmittage, dann für einige Abende durften die Lübecker auch in ihrem Theatergebäude Vorstellungen erleben. Und wie sie es genossen! Obwohl die "Ensa" und die Intendanz sich gut miteinander vertrugen, konnte man überall in Bürgerhäusern energisch sagen hören: "Wir wollen unser Theater wiederhaben!" Als es endlich soweit war, hatte man Gelegenheit, ein Stammpublikum zu studieren, das den Anschein erweckte, es gäbe noch ein unversehrtes Bürgertum. "Man" ging wieder ins Theater nicht ausschließlich des Kunstgenusses wegen, sondern um zu sehen und gesehen zu werden. Dies kritisierten zuerst die Flüchtlinge und begannen, dem Theater fernzubleiben. Als die Geldreform kam, stellte sich heraus, was Eingeweihte längst wußten –: die ungewöhnliche "Theaterblüte" war eine Scheinblüte gewesen. Mehr Betrieb als Erlebnis Es ist im Falle Lübecks übrigens etwas Erfreuliches hinzuzufügen –: Natürlich waren viele vordem theaterfremde Menschen ins Theater gelockt worden, einfach durch die Tatsache, daß alle Welt sich zu den Vorstellungen drängte. An diese Menschen wandte sich ein Mann, der zuvor Intendant des Lübecker Stadttheaters gewesen war: er gründete eine Art Besucherorganisation für die Bewohner der "umliegenden Ortschaften" und richtete einen Autobusverkehr ein. Man dürfte kaum irren, wenn man diese Gäste "von außerhalb" Lübecks treueste Theaterfreunde nennt.

"Zurück auf ein normales Maß"