Von Axel Use

Der Sommer ist die Zeit der Kongresse. Der Mensch, der etwas bedeutet, sei er Arzt oder Oberbürgermeister oder was sonst, eilt von binnen an einen Ort, an dem sich viele seinesgleichen treffen, die sich um einen Lautsprecher gruppieren, um einen Kongreß abzuhalten. Von den Kongreßbüros schwirren dann die Meldungen in die Welt von neuen Entdeckungen, von Resolutionen, die an dem Gefüge der Welt zu rütteln suchen, von Entschließungen, die umdüstert sind von der Sorge um die Zukunft.

Nichts gegen Kongresse – es ist immer gut, wenn Erfahrungen ausgetauscht werden. Aber es scheint manchem Teilnehmer doch zuweilen angebracht, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, wie man solche Veranstaltungen reformieren könnte, um sie „ergiebiger“ zu machen. Natürlich müßte sich die Reform der modernen Mittel der Technik bedienen, damit endlich jenem Übelstand abgeholfen werde, der seinen Niederschlag in der Erkenntnis findet: „Da, wo so ein Kongreß aufhört, da müßte er anfangen!“

Wie ließe sich das erreichen? Um ein Beispiel zu nehmen: Der letzte Deutsche Städtetag – die Repräsentation der deutschen Städte der westlichen Besatzungszonen –, der kürzlich in Lübeck stattfand, behandelte dankenswerterweise ein hochaktuelles Problem: die Flüchtlingsfrage, umfassender das „Problem der Heimatlosigkeit“ genannt. Der Bremer Bürgermeister Kaisen und der Nürnberger Stadtrat Dr. Marx hielten die Referate – das heißt: sie lasen sie im wesentlichen vor. Nichts gegen das außerordentlich interessante Material, das die beiden Herren aus dem Konzept an die Hörer heranbrachten. Die Verlesung nahm viel Zeit in Anspruch, und für die Debatte blieb nur noch eine knappe Zeit. Als es am interessantesten wurde, mußte das Thema abgebrochen wenden. Bürgermeisterin Frau Louise Schröder, Berlin, eine großartige Rednerin, die leider viel zu kurz zu Worte kam, waltete als Präsidentin umsichtig ihres Amtes, aber auch sie war gegen die Länge der Referate und die Kürze der Zeit machtlos.

Ein Besucher – Spezialist für Kongresse – meinte nach der Tagung: „Die Kongresse werden alle abgewickelt, als wäre die Buchdruckerkunst noch gar nicht erfunden. Die Referate lagen fix und fertig vor, lange bevor der Kongreß losging. Warum druckte man sie nicht, stellte sie rechtzeitig vorher den Teilnehmern als Debattegrundlage zu, um bei der Tagung gleich in medias res zu gehen. Der Referent muß sein Referat klären, erläutern, verteidigen, je nachdem es die Debatte bedingt – vorzulesen braucht er es nicht mehr. Um wieviel lebendiger wären dann die Kongresse, um wieviel besser könnten alle sich vorbereiten und wie wunderbar wäre auch der Ermüdungskoeffizient ausgeschaltet, der sich bei der monotonen Verlesung von Reden, die ‚Schreiben‘ sind, allzusehr einschleicht.“ So argumentierte jener Besucher. Und dann kam er auf den Lautsprecher, der berufen sei, die Stimmen und die Lebendigkeit der Debatte zu aktivieren, der sich aber leider häufig als eine unheimlich gesteigerte Stimme der Schläfrigkeit entpuppt. Sosehr er nämlich geeignet ist, das Feuer der Debatte über große Säle zu streuen, so leicht träufelt er auch die Monotonie über diese selben Räume – jene Monotonie, die sich so leicht ergibt, wenn eine „Schreibe“ verlesen wird. Der Lautsprecher ist zum Sprechen da, zum Reden im Sinne des unmittelbaren Erlebnisses, des direkten Übertragens eben gedachter Tatbestände auf den Hörer. Im anderen Falle steigert gerade der Lautsprecher die Schablonenhaftigkeit ins Unerträgliche. Ein großer, allerdings wissenschaftlicher Redner hat mir einmal gesagt, er betrachte das Mikrofon als eine Person, mit der es zu reden gilt.

Es ist selbstverständlich, daß alle Redner sich vorbereiten. Nur darf man es nicht merken. Wie man bei einer Primaballerina nicht sehen darf, wieviel Übungsstunden ein Tanz „auf Spitze“ erforderte.

Und nun ein anderes Phänomen, das jeder kennt, der schon einmal irgendwo „vor Menschen“ gesprochen hat. Die Hörer bilden ein geistiges Energiezentrum. Es entsteht eine Art innerer Korrespondenz zwischen Redner und Zuhörer. Tritt dieser Kontakt ein, wird der wirkliche Redner ganz sicher und überlegen. Burschikos ausgedrückt: er kriegt den Zuhörer beim Schlips und reißt ihn mit sich fort. Wenn man es hochtrabend sagen will: jeder Kongreß muß eine „Seele“ haben. Diese „Seele“ aber kann durch mißbräuchliche Benutzung des Lautsprechers erschlagen werden wie ein Mensch mit einem Beil.