Unter den Pferden gärte es zuerst; es folgten das Rindvieh, die Schweine, die Hammel, das Federvieh –, um nur einige der wichtigsten Tiersorten zu nennen. Man tuschelte sich ins Ohr, bildete Gruppen. Kam ein Mensch, so brach man die Unterhaltung plötzlich ab und ging mit einem Scherzwort, das Futter oder das Wetter betreffend, auseinander. Die Diskussionen wurden läufiger, lebhafter und ungenierter. Man gab seiner Entrüstung immer unverhohlener Ausdruck; der Entrüstung über die Raub- und Erpresserpolitik der Menschen, ihre wachsende Unfähigkeit, die Herren der Welt zu spielen. Manches Wiehern, Blöken, Brüllen, Meckern, Kikerikien, das – zum Chor vereinigt – aus dunklen Ställen in die Stille der Nacht drang, war der spontane Beifallsausdruck für eine gewonnene Übereinstimmung der Meinungen.

Schließlich fand in einer mondhellen Juninacht die erste heimliche Vollversammlung der Tiere in einer alten ausgedienten Rennbahn statt. Der Wallach Pollux übernahm den vorläufigen Vorsitz und hielt folgende stark aufreizende Rede: „Meine Damen und Herren und ihr unglücklichen Zwitter, denen man zum Nutzen der menschlichen Faulheit und Freßlust das Teuerste nahm und denen auch ich angehöre! Ich war vier Jahre im Krieg und wurde wiederholt verwundet. Was ist der Dank? Bekommen wir Gnadenbrot? Weit gefehlt. Man verarbeitet uns weiterhin zu Wurst. So steht es um die berühmte soziale Gerechtigkeit der Menschen ...“

Begeisterte Zustimmung belohnte die Ausführungen des Wallachs Pollux, untermischt mit dem Entrüstungsbrüllen, -grunzen, -muhen und -schnattern derjenigen Tiere, deren Bestand die Freßlust der Menschen am meisten gefährdete. „Nieder mit den Menschen, bevor es zu spät ist!“ brüllte ein fetter Mastochse. Ihm standen die Schweißperlen auf der Stirn, gedachte er seines nahen unrühmlichen Endes. „Nieder, nieder!“ seine der Chor der Tiere vom Dickhäuter bis herab zu den Bazillen.

Die Ziege Lieschen drängte sich zum Rednerpult. „Ich stehe hier als Mutter“, begann sie fünfmal ihre Rede. Solange dauerte es, bis der Tumult sich gelegt hatte. „Ich stehe hier als Mutter, der man nicht die notwendige Milch läßt, ihre Kinder in diesen schweren Zeiten auskömmlich zu ernähren. Aber ich will nicht von mir, von den brennenden Sorgen meiner Verwandtschaft sprechen. Ich stelle die Kardinalfrage: Was in aller Welt berechtigt überhaupt den Menschen dazu, über uns ein so scham- und schonungsloses Gewaltregiment zu führen? Etwa, daß er moralischer ist, oder stärker?“ – „Nein, nein!“ brüllte der Bulle Max und schnob aus seinen Nüstern, daß zwei Hasen, die zufällig vor ihm hockten, sich mehrfach überschlugen; „ich nehme es mit jedem Preisboxer und Ringkämpfer auf.“ – „Als wenn es darauf ankäme“, lachten Insekten und Würmer; „im Einzelkampf wird der Mensch mit Schießgewehr, Sprengbombe und Insektenpulver immer die Oberhand gewinnen.“ – ,,Richtig“, riefen die Hunde, „es ist der menschliche Geist, der uns immer und ewig in Schach halten wird, und darum...“ Weiter kamen die Hunde nicht. „Rrraus, rrraus!“ brüllten Tausende von Tierstimmen, „die sind reaktionär, die Hunde!“

Inzwischen hatte die Wanze Dionysia das Rednerpult erklommen. Um auf dem weiten Platz vernehmlich zu sein, bediente sie sich des Lautsprechers. „Meine lieben Freunde“, begann sie mit fettig-monotoner Stimme: „der kitzlige Punkt ist freigelegt: Schießgewehr, Sprengstoff, Insektenpulver, oder wie die Herren Hunde sich auszudrücken belieben, der menschliche Geist“ – hier warf sie einen giftigen Seitenblick auf die Hundegruppe, die sich hinter ein altes Totalisatorhäuschen zurückgezogen hatte – „der menschliche Geist ... ja, meine lieben Freunde, ich gebe mich da keiner Illusion hin, mit Geist unsererseits können wir dem stark wuchernden Menschengeist nicht ans Leder. Aber lernen wir doch aus dem letzten Menschenkriege. Was gab den Ausschlag, den Sieg? Doch nicht der Geist, sondern neben der Technik einzig und allein die organisierte Mehrheit. Meine lieben Freunde, unser größtes Übel ist die Uneinigkeit und die Zersplitterung der Kräfte. Wenn wir uns sammeln und vereint planmäßig zum Angriff vorgehen, vermag uns kein menschlicher Geist standzuhalten. Denn unser ist die Mehrzahl, also ist unser auch der Sieg!“

Diese Worte entfachten einen frenetischen Jubel: „Hoch die Wanze Dionysia, hoch die Mehrheit!“ scholl es enthusiastisch aus Zehntausenden Tierkehlen. Es folgte eine eindrucksvolle Verbrüderungsszene, Füchse umarmten Gänse, Bussarde Mäuse, Elefanten Regenwürmer. Die Wanze Dionysia wurde mitsamt Pult im Triumph um den Platz getragen. Die Stimmung in der Versammlung hatte ihren Höhepunkt erreicht. Man schritt zur praktischen Tat. Ein Revolutionskomitee wurde gebildet, bestehend aus dem Wallach Pollux, dem Karpfen Udo, der Wanze Dionysia und der Infiusorie Hedwig. Der Wanze Dionysia wurde die Organisation der Wehrmacht übertragen.

Die Wanze Dionysia war sich bald über die Art des Vorgehens gegen die Menschheit im klaren. Getreu ihrem Programm organisierte sie eine großzügige Zusammenziehung aller Tiere, getrennt nach Klassen, Familien und Gattungen. Um die Richtigkeit ihrer Theorie zu prüfen, schickte sie einzelne Stoßtrupps gegen die Menschen aus, von denen es einer Gruppe von sechsunddreißig Krähen gelang, einen Gendarmeriewachtmeister, der auf einem Fahrrad durch eine Pappelallee fuhr, binnen zwölf Minuten zur Strecke zu bringen, während eine Stoßgruppe von vierhundert Flöhen den dicken Metzgermeister Schwartensack binnen zwei Stunden vollständig aussoff, so daß er am nächsten Morgen tot und flach wie eine Flunder im Bette lag. Es ist höchst eigentümlich, daß die sonst so wachsame Mensch? heit aus solchen Anzeichen einer gänzlich veränderten Kampfesweise keinerlei Verdacht schöpfte. Es erschienen wohl Zeitungsartikel und Funkreportagen, die von sonderbaren Massenüberfällen der Tiere berichteten, aber die Leute, die es anging, übersahen diese gefährlichen Symptome einer Tierbewegung völlig.