Ein neues Buch des Marburger Historikers Ludwig Dehio, „Gleichgewicht oder Hegemonie“ (Scherpe-Verlag, 1947, Krefeld, 247 S.), leitet eine dringend nötige Klärung im deutschen Geschichtsbewußtsein ein. Die deutsche Geschichtsschreibung hat in den letzten fünfzig Jahren nur wenig dazu beigetragen, das politische Verstandnis des deutschen Volkes zu heben. Sie bewegte sich auf einer zunehmend veralteten, – nämlich wesentlich nationalstaatlichen Grundlage, und dies in einer Zeit, da zu den politischen Hauptmächten der Erde große föderalistische, weitgehend übernationale Gebilde wurden: die Sowjetunion, die Vereinigten Staaten, das Vereinigte Königreich. Die deutschen Historiker, jedenfalls ihre Mehrzahl, neigten dazu, ihr Weltbild so einzurichten, daß der deutsche Nationalstaat darin eine den Weltmächten gleichberechtigte oder gar überlegene Rolle spielen konnte. Dies geschah durch die Einschränkung des Blickfeldes auf Europa, den Schauplatz des hergebrachten Gleichgewichts der Mächte. Es fehlte der deutschen Geschichtsschreibung das Bewußtsein, daß Europa der Wirkungsbereich riesenhafter Mächte geworden war, die ihr Kraftzentrum außerhalb unseres Erdteils hatten und denen gegenüber das Deutsche Reich ein Gebilde zweiten Ranges war.

Dehio beweist nun die im gegenwärtigen Augenblick äußerst wichtige Fähigkeit, dies hergebrachte Schema zu überwinden. Hierin zeigt er seine Verbundenheit mit der Universität Berlin, deren bekannteste Historiker, Friedrich Meinecke und Hermann Oncken, ja gerade darum im Dritten Reich so mißliebig waren, weil sie nicht jene verengte nationalstaatliche, die wirklichen Weltverhältnisse ignorierende Richtung unterstützten, welche an den meisten deutschen Universitäten zu allseitiger Zufriedenheit der Lehrer und der Belehrten gepflegt wurde. Dehio knüpft zwar an die Tradition Rankes an, besonders insofern, als er die politische Macht und damit den Staat als geschichtsbildendes Zentrum behandelt. Aber im Gegensatz zum Optimismus Rankes und seiner Schule, wonach, alle Gegensätze der Mächte immer wieder auf ein Gleichgewicht und damit die Freiheit der einzelnen Staaten voneinander herauslaufen würden, legt er überzeugend dar, daß die Voraussetzungen für dies alte europäische Gleichgewicht seit Jahrzehnten nicht mehr bestehen. Wenn ehedem dies Gleichgewicht bedroht war, griffen außereuropäische Mächte, beispielsweise 1914 bis 1918 Amerika, ein und warfen die übermächtige Macht zu Boden. Heute ist die ganze durch Technik und Verkehr vereinheitlichte Erde der Schauplatz der politischen Kämpfe, und es gibt keine Draußenstehenden mehr, die gegebenenfalls eingreifen könnten. Obwohl es Dehio nicht gerade daran gelegen ist, den Teufel an die Wand zu malen, so geht doch seine Meinung wenig verhüllt dahin, daß die Erde sich im Obergang zu einem Kampf um die Weltherrschaft zwischen den Riesen befindet, dessen Ausgang möglicherweise auf unabsehbare Zeit nicht mehr revidierbar wäre. J. A. v. Rantzau