Ein Arzt braut einen Zaubertrank, mit dem er das Gute und das Böse, das in jedem Menschen ruht, aus dem Unterbewußten heben oder wieder hinabsenken will. Er probiert an sich selbst aus und ist abwechselnd als Dr. Jekyll edel und ein Helfer der Menschheit, als Mr. Hyde eine böse Bestie. Der Hollywooder Film „Arzt und Dämon“ (Dr. Jekyll and Mr. Hyde) nach dem vielgelesenen Buch von Robert Louis Stevenson behandelt mit Lüsternheit dieses psycho-analyrische Thema, das an die Grundfesten der geistigen Existenz des Menschen rührt. Ein Glanzstück aus der Greuelkiste ist daraus geworden, spannunggeladen, mit herzabwürgender Grausamkeit, aber allzuwenig sachlicher Durchdringung. Am Ende rutscht der Film in wilden kriminalistischen Kientopp ab, sagt an den Nerven der Zuschauer, kitzelt alle möglichen Instinkte und läßt nebenbei einen Moralsatz fallen: „Der Mensch darf in die göttliche Ordnung nicht eingreifen.“

Durch überraschende Raffinessen der Kamera (Regie Viktor Fleming) – überdimensionale dämonische Augen, spielende Lichter, Bilder von gespenstischer Schönheit – gelingen im Atmosphärischen virtuose Effekte. Faszinierend die Wandlung des sanften müden Dr. Jekvll-Gesichts Spencer Tracys zur dämonischen Fratze Mr. Hydes in Großaufnahme und Zeitlupentempo, eine bemerkenswerte maskenbildernische und schauspielerische Leistung, ja in ihren mehrfachen Wiederholungen schon mehr eine komödiantische Ausschweifung (wirkliche Bösewichte tarnen sich teuflischerweise meistens besser). Ingrid Bergman als Opfer des Dämons offenbarte mit vollendeter Kunst ein ekstatisch glühendes Temperament und ein besonders unvorteilhaft photographiertes Profit

Das Publikum in Hamburg (Waterloo) zeigte ruhige Nerven, es wehrte sich und lachte an passenden und unpassenden Stellen.

Erika Müller

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Jennifer Jones – dem deutschen Kinopublikum aus dem „Lied von Bernadette“ bekannt –, eine große Naive in unserer durchreflektierten Welt, spielt die Hauptrolle in einem Paramount-Film mit dem nichtssagenden Titel „Liebesbriefe“ (Erstaufführung in den Harvestehuder Lichtspielen, Hamburg). Und es zeigt sich wieder einmal, was eine Schauspielerin von ihrem Range vermag: sie hebt den weiß Gott abgespielten Stoff – ein Mädchen, das sein Bewußtsein verloren hat und sich mit Hilfe eines Mannes ein neues Dasein aus den Nichts aufbaut – durch ihre Darstellung ins Menschliche und Künstlerische. So erhalten manche Banalitäten des Drehbuches, von ihr gesprochen, doch noch irgendeinen Sinn. Die unglaubwürdige, von einem geschickten Drehbuchautor erfundene Geschichte wird glaubhaft, weil Jennifer Jones sie glaubt. Joseph Cotton war als Partner fast gleichwertig; die Regie von William Dieterle verriet den routinierten Könner, der weiß, wie so etwas gemacht wird.

P. Hühnerfeld