Der bekannte amerikanische Journalist und Verfasser einer Reihe einst viel beachteter Bücher Hubert R. Knickerbocker kam beim Rückflug aus Indonesien ums Leben.

Höchstens durch seine legere Haltung entsprach Knickerbocker dem Bilde, das man sich üblicherweise von einem Zeitungsreporter ausmalt. Es war die Haltung eines Menschen, der zuschaut, sine ira, aber nicht sine studio. Knickerbocker aus Texas in Nordamerika studierte viel; seine Kollegen, die anderen Auslandskorrespondenten der Jahre 1928 bis 1933 in Berlin, pflegten ihn zu fragen, wenn sie Daten aus der europäischen Geschichte wissen wollten. Übrigens war Knickerbocker 1923 und 1924 Student an den Universitäten München, Wien, Berlin gewesen. Und er hatte, derweil er in Berlin als Korrespondent für INS, den International News Service arbeitete und als Verfasser seiner auch in deutscher Sprache (bei Rowohlt) erschienenen Bücher stark beachtet wurde, viel Ähnlichkeit mit dem Typ des jungen deutschen Akademikers jener Jahre: er trat sehr sachlich auf, ziemlich kühl, absolut phrasenlos, skeptisch und gleichmütig. Beim Mittagstisch in einem Lokal am Dönhoff-Platz hielt er den beisammensitzenden Zeitungsleuten ein kleines Kolleg über den Unterschied des amerikanischen und deutschen Humors, völlig ernsthaft, mit einer verspielten, sarkastischen, fast hätte ich gesagt: surrealistischen Phantasie, die man sonst dem irischen Geist nachsagt. Sonderbar war bei alledem sein Ernst. Aber später hatte man Pointen für viele Stunden. Er sagte übrigens, die Deutschen und die Amerikaner hätten eins gemeinsam: die Verrücktheit großzügiger – Pedanterie...

Seine Bücher, die auch in Deutschland Aufsehen erregten, hießen: „Der rote Handel droht“ und „Der rote Handel lockt“ (gerade dies Buchwäre eine Lektüre, die man heute den westlichen. Politikern anempfehlen möchte) und „Deutschland so oder so?“ (das war 1932, als es sich um die Frage drehte: „Fascist or Soviet?“) und „Kommt Europa wieder hoch?“ und „Kommt Krieg in Europas“ In diesen Büchern hat er vieles vorausgesagt, was später eintraf; aber was Knickerbockers Bücher auch heute noch lesenswert macht, ist vor allem die Plastik, mit der die Menschen, die Prominenten von damals, geschildert werden, und das Temperament, mit der die Gespräche offensichtlich nicht nur aufgezeichnet, sondern auch geführt wurden.

Knickerbocker, Träger des Pulitzer-Preises, hat allen trouble der vergangenen Jahrzehnte fast lückenlos miterlebt: Orloff-Affäre in Moskau, Kriege in Abessinien, Spanien, China, dann den zweiten Weltkrieg auf Sizilien, in Italien, Frankreich, Deutschland. Er hielt gar nichts vom Kriege. Aber was wollte er machen? Manche werden sich erinnern, daß er von London aus während des Krieges oft seine Stimme über Rundfunk wellen sandte, vom deutschen Propagandaministerium zutiefst gehabt.

Sehr seltsam – und sehr bezeichnend für feinen zwischen Ernst und Phantastik schwebendes trockenen Humor – ist Knickerbockers letzte Story: Er hatte in Singapur mit Hilfe des malaiischen Rundfunks die Aufnahme eines eigenen Radiovortrages fertiggestellt, weil er versprochen hatte, einer New Yorker Radiostation einen Bericht über Indonesien zu geben. Wie, wenn der Rückflug schlecht ausgehen würde?, scherzten die Journalisten, die gemeinsam mit Knickerbocker einer Einladung der holländischen Regierung gefolgt waren. Er erwiderte, dann werde er aus dem Jenseits jeden... Der Leiter desmalaiischen Rundfunks, der die Aufnahme; dieser Ansprache via London nach New York übermittelte^-tat es mit den Worten: „Knickerbocker hat unsere Herzen gewonnen, und wir möchten ihm gern helfen, seine Verabredung einzuhalten.“ J. M.