Man durfte mit Spannung auf die nächsten an den Kapitalmarkt kommenden Anleihen warten, nachdem die Reichsbahn, mit nur rund 85 Mill. DM "Freizeichnungen" aus dem privaten Anleihemarkt, eine böse Enttäuschung hatte einstecken müssen. Das Gesamtergebnis von über 335 Mill. DM ist dann also durch "Großzeichnungen" erreicht worden: eine etwas euphemistische Bezeichnung für den (hierbei vorwiegend gegebenen) Tatbestand der Konsolidierung eingefrorener Kredite, speziell durch Umwandlung von Wechseln in liquidere Schuldtitel, die über kurz oder lang der BdL (dem Zentralbanksystem) als Lombarddeckung oder sonstwie angeboten werden dürften. Inzwischen ist nun die RWE-Anleihe placiert worden. Aus Kreisen westdeutscher Konsortialbanken hören wir, daß die Zeichnungsfreudigkeit für diese Obligation überraschend groß sei. Die Reichsbahn-Sache habe "glücklicherweise nicht geschadet". Einzelne Bankinstitute hätten sogar bereits um eine Mengenerhöhung der ihnen zur Verfügung gestellten Verkaufsstücke nachgesucht.

Dieser Verlauf zeigt, daß ein guter Schuldner auch heute wieder seinen guten Gläubiger findet. Man hofft in Bank- und Industriekreisen, daß die Emissionen von 1949 bald an den Börsen zum amtlichen Handel zugelassen werden mögen, damit eine gewisse Stetigkeit in den Kursstand kommen kann. Man sollte es daher auch nicht für alarmierend ansehen, wenn aus Liquiditätsgründen noch vor einigen Monaten gezeichnete Stücke heute zu unlimitierten Verkäufen auf den inoffiziellen Markt kommen und das gepflegte Kursniveau von rund 98 v. H. maßgeblich unterschreiten. Dies ist seit jeher so gewesen, ehe ein Papier zur amtlichen Notiz zugelassen wird. Der Markt – und zwar beide Partner – muß sich auch erst wieder kennenlernen. Aktie und leider auch Obligation und Pfandbrief atmen noch zu sehr den Charakter einer oft nur angedichteten Spekulation. Wer aber unter diesem Gesichtspunkt statt unter dem einer längerfristigen Anlage gezeichnet hat, der wird sich über erhebliche Kurs- (sprich Geld-) Verluste bei schnellen Verkaufen nicht Gründern dürfen. Damit macht man sich und "sein" Papier nicht gesellschaftsfähig, Auch der Bankier wird sich seinen Kunden heute genauer ansehen. Er darf im Interesse der Kapitalmarktpflege nicht dem, der für einige Monate sechs und mehr Prozente Zins "mitnehmen" will, zur Anleihezeichnung raten oder auch nur kommen lassen, weil die baldige Veräußerung solcher Posten die behutsame Kapitalmarktpflege untergräbt. Erst wenn die DM-Eröffnungsbilanzen die Bonität der Gesellschaften erkennen lassen Verden, können sich die Kurse auf einer verläßlichen Höhe einpendeln und miteinander variieren. Bis dahin bleibt es wenig erfreulich, wenn unechte Anlagezeichner den Markt bedrücken und man Kurse von 94 (und in Frankfurt sogar noch carunter) hatte registrieren müssen. Rlt.

Wirtschaftskammergesetz nennen. Das Sammelsurium von Änderungsanträgen und Kompromissen brachte als Ergebnis einen "müden Abwasch" – wie man in den Wandelgängen meinte – und eine Konstruktion, für die schon heute niemand mehr als Vater angesprochen werden möchte.

Zunächst einmal bleiben die alten Industrie- und Handelskammern unbestritten bestehen. Die neue Kammer aber wird eine zusätzliche Selbstverwaltungseinrichtung, die allerdings vom Land finanziert wird, da sie keine Mitglieder hat. Damit ist im deutschen Verwaltungsrecht ein neues Gebilde entstanden, das mehr zum Spott als zum Ernst Anlaß bietet. § 1 umreißt die Aufgaben, die die Kammer zu behandeln hat. Sie sind jene, "die Unternehmern und Arbeitnehmern gemeinsam sind". Wir brauchen nur die Frage zu stellen: Was heißt das konkret?

Resignierend sagte der Gewerkschaftler und SPD-Abgeordnete Pawlik, als Sprecher des Ausschusses, dazu: "Wem die Planke wegschwimmt, der greift zum Strohhalm". Er meinte damit, daß das Kammergesetz für Gewerkschaften und SPD eine Art Wiederbelebung der Bezirkswirtschaftsämter sei, die somit neue Außenstellen des Wirtschaftsministeriums von Herrn Nölting werden könnten. Wir stellen wie schon neulich fest: Man hat hier angesichts des Wahlkampfes Straßenpolitik getrieben und wieder einmal der Öffentlichkeit gezeigt, daß weitsichtige Staatspolitik zu führen für manche der 13 Landesparlamente schwierig zu sein scheint... Aber was übriggeblieben ist, ist ein lebensunfähiger Torso, ein die Steuerzahler belastendes Spielzeug für Gewerkschaften und Wirtschaftsministerium, aber keine Gefahr für die Organisation der Indusrie- und Handelskammern. Re.