Fünf Konzerte mit "Musik der jungen Generation* standen am Ausgang der Darmstädter IV. Internationalen Ferienkurse für Neue Musik des Kranichsteiner Musikinstituts auf der Marienhöhe –, ein sinnvoller Ausklang dieser umfassenden Lehrgespräche über die Fragen der Musik unserer Zeit.

Damit waren die diesjährigen Ferienkurse eingebettet in Aufführungsreihen mit zeitgenössischer Musik – Werken der Großen, Reifgewordenen und der Werdenden, Heranwachsenden –, und dieser musikalische Rahmen entkräftet alle Vorwürfe, die sich gegen die angebliche Einseitigkeit der Arbeit des Kranichsteiner Musik-Instituts richten und die Fragwürdigkeit alles Theoretisierens und Redens über Musik betonen.

Die Überschau über die Musik der Zwanzig- bis Dreißigjährigen war aufschlußreich genug. Diese Musik spiegelt die Vielfalt der Stilrichtungen und Lehrmeinungen inneralb des musikalischen Weltbildes unserer Tage. Das Erlebnis der Musik Hindemiths, ihr unmittelbarer Einfluß, scheint schwächer geworden zu sein. Es spricht am deutlichsten noch aus dem Streichquartett des hochbegabten, erst neunzehnjährigen Kurt Schäfer oder aus der Cellosonate und Flötenmusik der Maler-Schüler Wolfgang Teusche und Diether de la Motte. Aber dieser "Tokkatenstil" steht heute in der Wertschätzung der jungen nicht mehr hoch im Kurse, wenn er nicht geschmeidige Form für den wieder unmittelbarer gewordenen Impuls, für die sich Überall ankündigende stärkere "Expression" der Klangsprache abgeben kann. Ingvar Lidholm, Schweden (Toccata e Canto für Kammerorchester) und Peter Racine Fricker, London (Präludium, Elegie und Finale für Streichorchester) bemühen sich, neubarocke Formen in diesem Sinne aufzuschließen und lebendig zu machen. Bei Pal Jardanyki, Budapest (Sonate für zwei Klaviere), ist der Einfluß der rhythmusgeborenen Musik Bell Bartóks, bei Ton de Leuw, Breda (Trauermusik "In memoriamWillem Pipier") und Armin Schibler, Zürich (Fantasie für Viola und kleines Orchester) der romantische Einschlag am stärksten.

Daneben steht ziemlich unvermittelt die Musik der Zwölftonkomponisten in aller Welt. Die verkapselte, verschlüsselte, am Ende doch immer wie papiergeboren erscheinende Tonsprache der Extremsten unter ihnen, der jungen französischen Dodekaphonisten um René Leibowitz, war in diesem Jahr stä-ker noch als bei den vergangenen Kursen Gegenstand heftiger Diskussionen, ja Mittelpunkt einer lärmvollen Kundgebung des streng geteilten Für und Wider. (Antoine Duhamel: "Film-Musik"; Michel Phillipot: "Konzertante Ouvertüre" für Kammerorchester.) Die Zwölftonmusik des Italieners Bruno Maderna (Präludium und Fuge für zwei Klaviere), auch der Amerikanerin Dika Newlin (Kammersymphonie) erscheint logischer im Klanggefüge, übersetzbarer im Ausdruck.

Die jungen Deutschen lassen deutlich verschiedene Schulen, die Ausstrahlung der wichtigsten Lehrerpersönlichkeiten erkennen. Der Blacher-Schüler Giselher Klebe ("Divertissement joyeux" für Kammerorchester) und der von Noetel und Hoeffer kommende Wolfgang Hohensee (Flötensonate, Klaviersonatine), die schon genannten Teuscher und de le Motte aus der Detmolder Schule Wilhelm Malers, die Fortner-Schüler Hans Ulrich Engelmann (Musik für Streicher, Blechbläser. und Schlagwerk) und Hans Werner Henze ("Wiegenlied der Muttergottes", Neun Variationen für Klarier) und endlich Bernd Aloys Zimmermann (Konzert für Orchester) und Werner Haentjes (Violinkonzert), die bei Philipp Jarnach studiert haben – das sind die Begabtesten. Sie alle sind noch auf dem Wege, auf ganz verschiedenen Wegen. Sie experimentieren mit den Jazzelementen, mit neuen Klangformen der Zwölftonmusik oder mit einer Verkettung barock-konzertanter und großorchestrierter, symphonischer Formen. Alle aber sind grundehrlich, sie machen es sich nicht leicht, und hinter aller Schul-Arbeit, hinter allem Unfertigen wird immer wieder ein eigener Kern spürbar. Klaus Wagner