Auch die Beziehungen Argentiniens zu Japan sind neu im Werden. Dies wurde deutlich, als sich: vor kurzem auf der Plaza de Mayo in Buenos Aires eine Gruppe von Personen jeden Alters, Männer und Frauen mit ihren Kindern sammelte. Sie alle hielten blau-weiß-blaue Fähnchen aus Papier in ihren Händen und schauten etwas verlegen drein. Ihren Gesichtsformen nach waren es Asiaten, Japaner, aber ehe ich sie fragen konnte, setzten sie sich auf ein Zeichen in Bewegung und marschierten auf das Regierungsgebäude zu, die Casa Rosada, in dem sie dann auch verschwanden. Am nächsten Tage las ich in der argentinischen Presse, daß eine Abordnung von japanischen Kolonisten beim Präsidenten Peron gewesen war, um ihm und der argentinischen Nation für die Großzügigkeit zu danken, mit der sie die Japaner aufgenommen hätten. Der Staatspräsident hat diese Gelegenheit benuntzt, um einige grundsätzliche Erklärungen abzugeben, Argentinien freue sich, japanische Menschen in seinen Grenzen zu beherbergen, deren Fleiß und Genügsamkeit wesentlich zum Aufbau des Landes beigetragen hätten. Er würde eine weitere Einwanderung begrüßen, da den Argentiniern eine unterschiedliche Behandlung von Rassen fremd sei. Nur die Staatsgesinnung sei entscheidend.

Wenige Tage später erschien in den Zeitungen eine Meldung, daß eine japanische Abordnung in Buenos Aires eingetroffen sei, um einen japanischargentinischen Handelsvertrag zu besprechen. Die Regierung hatte also sehr gut gearbeitet, wie das in einem weitblickenden System nicht verwunderlich ist.

Der unbefangene Leser erhält den Eindruck, daß es die Japaner heute in Südamerika leichter haben als die Deutschen. Entspricht das den wirklichen Verhältnissen oder nur der nordamerikanischen Politik gegenüber ihren japanischen Schützlingen? Diese wird nicht nur dadurch bestimmt, daß die Vereinigten Staaten allein die Besatzung in Japan ausüben und damit auch allein die Verantwortung haben. Wichtiger erscheint, daß Japan in Südamerika wirtschaftlich niemals in ernstem Wettbewerb zu Nordamerika gestanden hat.

Die Japaner haben vor dem Kriege besonders billige Massenwaren geliefert, Textilien und Spielzeug, Lackwaren und Haushaltsgerät. Weder die Europäer noch die Nordamerikaner wollten zu diesen Preisen anbieten, und damit verzichteten sie auf eine Käuferschicht, die nur zu derartigen Preisen erfaßt werden konnte. In einem Erdteil jedoch, in dem die unteren Schichten der Bevölkerung noch ganz unvorstellbar arm sind und ihren Lebensstandard nur langsam heben können, sind und bleiben japanische Waren unentbehrlich. Fallen sie aus, so treten nicht europäische oder nordamerikanische an ihre Stelle, sondern die abgelegten Reste dessen, was einst Gebrauchsgegenstand der wohlhabenderen Schichten gewesen ist. Das gilt für Asien und für Afrika. Aber bis zu welchem Grade gilt das heute noch für Südamerika? Die Industrialisierung hat rasche Fortschritte gemacht und mit der Herstellung billiger Massenwaren angefangen. Die Vereinigten Staaten haben es leicht, der japanischen Ausfuhr nach Südamerika ihren Segen zu geben. Ihr Handel würde durch diesen Wettbewerb nicht betroffen werden, wohl aber die einheimischen Industrien in den meisten Staaten, und an deren Widerspruch scheitert ein größerer Warenverkehr im Rahmen der Vorkriegszeit.

Das gilt insbesondere für die Textilindustrie. In den letzten Jahrzehnten hat sich eine eigene südamerikanische Textilindustrie entwickelt, die stark genug ist, nicht nur die einheimischen Bedürfnisse zu befriedigen, sondern die bereits mit Macht auf die Weltmärkte drängt. Dabei verfügt Südamerika im Gegensatz zu Japan über eigene Rohstoffe, Baumwolle wie Wolle, und eine genügsame Bevölkerung. Der gute Wille mag auf beiden Seiten vorhanden sein, die Fäden wieder aufzunehmen, die durch den Krieg zerrissen wurden. Es wird jedoch nötig sein, den japanischen Außenhandel auf eine neue Basis zu stellen, bis er in Südamerika wieder Fuß fassen kann.