Seit Mitte der achtziger Jahre, als der Hamburger Ölpionier Dr. Max Albrecht in Baku die erste Schmierölraffinerie des Kontinents errichtete, ist Hamburg mit seinem Petroleumhafen, seinen bedeutenden Verarbeitungswerken und den Niederlassungen der bekannten Ölgesellschaften rund um die Alster zu einem Knotenpunkt der deutschen, ja sogar der europäischen Mineralölwirtschaft geworden. Selbst die Gewinnung von Erdöl hat auf hamburgischem Gebiet eine beachtliche Stätte gefunden. Das Erdölfeld Reitbrook bei Bergedorf, unweit der berühmten "Flamme von Neuengamme" von einst gelegen und zu gleichen Teilen Eigentum der Deutschen Vacuum Öl AG. und der Preussag, hat immerhin seit seiner Entdeckung im Jahre 1937 Rohöl im Werte von 150 Mill. Mark gefördert.

Freilich ist es nicht dieses Geschenk der Natur, sondern die einzigartige Lage des Elbhafens, die Hamburg zum Zentrum der deutschen Mineralölwirtschaft machte. Deutsche Unternehmer wählten das Freihafengebiet, das den Re-Export unter Zollausschluß erlaubt, zum Aufbau einer blühenden Mineralölveredlungsindustrie. Die großen internationalen Ölgruppen bestimmten die Hansestadt zur Zentrale ihrer deutschen Absatzorganisationen und errichteten zwischen Süderelbe und Schulau Raffinerien, in denen vor allem importierte Rohöle verarbeitet werden. Das Esso-Haus am Neuen Jungfernstieg und das Shell-Haus am Alsterufer gehören heute ebenso zum Bild der Stadt wie die großen Verarbeitungswerke dieser Gesellschaften in Harburg. Der Wiederaufbau der Shell-Raffinerie an der Süderelbe, der noch im September beendet sein soll, ist das bisher größte einzelne Bauprojekt der Nachkriegszeit in Hamburg. Auf der benachbarten Anlage der Esso (Ebano) werden bereits Aufschüttungen vorgenommen, um die Angliederung einer neuen Crackanlage vorzubereiten In der Steinstraße haben zwei der bedeutendsten in Deutschland tätigen Ölgesellschaften ihre Zentrale, die Deutsche Vacuum Öl AG., die auf Herstellung und Vertrieb hochwertiger Schmieröle spezialisiert ist (im Hamburger Raum betreibt sie die Raffinerie am Elbufer von Schulau), und die Olex Deutsche Benzin- und Petroleum-GmbH., die nach Kriegsende ihren Sitz von Berlin nach Hamburg verlegte. Die Muttergesellschaft der Olex, die Anglo-Iranian Oil Co., erwarb im Vorjahr die Eurotank-Raffinerie in Hamburg-Finkenwerder.

Aus der großen Zahl von weiteren Mineralöl-Import- und Handelsgesellschaften, deren Sitz die Hansestadt ist, mögen nur noch einige herausgegriffen werden: Atlantic Refining Co., Deutsche Fanto. Hamburg-Amerikanische Mineralöl-Gesellschaft (Veedol), Maschinenöl-Import-Gesellschaft (Gulf Oil), Nitag, Oelhag und Ritz & Co. Eine ganz besondere Note hat die Mineralölstadt Hamburg als Sitz von Spezialveredlungswerken. Hamburger Firmen leisteten vor dem Kriege Verarbeitungsdienste für den skandinavischen Norden, für asiatische Länder und sogar für Amerika und England. Dabei erwarben sich Firmen wie Johann Haltermann, Mineralölwerke Albrecht & Co., Ölwerke Julius Schindler und Ernst Schliemanns Ölwerke internationalen Ruf.

Neben den Wiederaufbau- und Erweiterungsarbeiten bei den bestehenden Mineralölanlagen wird voraussichtlich im hamburgischen Raum noch ein neues Bauprojekt zur Ausführung kommen. Die Hamburger Mineralölwerke Ernst Jung besitzen in Stadersand an der Niederelbe ein Tanklager von 90 000 cbm Fassungsvermögen mit Gleisanschluß und Verladebrücke für Überseetanker. Hier soll gemeinsam mit der Deutschen Erdöl-AG., die über eigene Gewinnungsbetriebe in Heide (Holstein) und in den hannoverschen Ölfeldern verfügt und ihren Sitz kürzlich nach Hamburg verlegte, eine Raffinerie nebst Crackanlage von 400 000 t Rohöl-Durchsatzkapazität jährlich erbaut werden. Bei der Massierung der Mineralölindustrie in Hamburg war es nur natürlich, daß sich auch die Wirtschaftsverbände an der Alster ansiedelten. Zu ihnen gehören der Mineralölwirtschaftsverband e. V., der die Interessen der großen Gesellschaften vertritt, der Mineralöl-Zentralverband e. V., Wortführer des mittelständischen Schmierstoff handels, und die Uniti, Vereinigung deutscher Kraftstoffgroßhändler. Auch die Fachstelle Mineralöl der Verwaltung für Wirtschaft hat die Hansestadt zum Sitz gewählt.

Die Hamburger Mineralölwirtschaft wird ihre Leistungen im Rahmen des Rohöleinfuhrplanes weiter steigern. Eine unerläßliche Voraussetzung dafür, daß sie ihrer Versorgungsaufgabe für Westdeutschland voll gerecht werden kann, ist allerdings, daß man sich auf alliierter Seite dann entschließt, dem westdeutschen Kraftverkehr einen größeren Treibstoffverbrauch zuzugestehen, als es bisher der Fall war. Hier sollte sich de Einsicht Bahn brechen, daß das Mineralölprodukt Benzin, ebenso wie Diesel- und Schmieröl, kein Luxus, sondern lebensnotwendige Energiequelle jeder modernen Wirtschaft auch im Nachkriegsdeutschland ist. A. M. Stahmer