Von Jan Molitor

Nach und nach kann der Umfang der Katastrophe von Prüm, wo ein Sprengstofflager in die Luft ging, abgeschätzt werden. Man beziffert den Sachschaden auf fünf Millionen D-Mark. Von rund dreitausend Einwohnern des Eifel-Städtchens sind tausend obdachlos.

er Staub, durch den man knöcheltief watet, hat die Farbe von gewonnenem Blut, Auf dem Platz vor der Kirche, auf den Straßen, auf den Dächern (soweit noch Dächer vorhanden) – überall dieser rote Staub. Wo einst Bäume standen, wo Gärten lagen – Staub, roter Staub. Er klebt an den Schuhen, als sei er feucht. Aber ein Windstoß wirbelt ihn auf. Jetzt ist der rote Staub wie Mehl. Man spürt ihn im Mund und fühlt einen leichten: Reiz, sich zu erbrechen... geronnenes Blut ... bis man begreift: das ist einfach die rötliche Eifelerde. Sie bedeckt nun das, was von der Stadt Prüm geblieben ist.

Prüm war einst im Rheinland berühmt. Rundum hohe Berge. Gleich einem winzigen Stuttgart lag das Städtchen im Tal, Nur viel, viel herber. Die Luft ist rauh, Doch wieviel Behaglichkeit hatte die Stadt! Wenn am Martinstag die Kinder mit den, bunten Laternen durch die engen Straßen gingen, so war’s ein Bild, das man nie vergessen, kann, Ludwig Richter hätte es malen können: das bunte Städtchen mit der Kirche, die so groß wirkte, wie ein Dom, das Gebäude des Gymnasiums, das wegen seiner wahrhaft humanistischen Tradition berühmt War. Nun ist das Städtchen wieder bunt schwarze Flecken, roter Staub, kalkgraue Wände. Das macht eine Farbenzusammenstellung aus, die ganz und gar unheimlich ist. Und wie weich das alles ist: die Erde, in der man watet, die Lehmwand eines zerborstenen Schuppens, an den man sich anlehnt. Man stellt sich. vor –: So könnte sich der Tod manifestieren, ein mehliger, pappiger, trostloser Tod. Übrigens fand man bisher nur zehn Tote der Katastrophe, zwei Bürger der Stadt sind vermißt. "Das ist immer billiger geworden", sagte ein Mann in Prüm. "Zuerst wurden mehr als sechzig, dann dreißig Tote gemeldet, dann sechzehn, dann vierzehn, jetzt zehn. Aber es kann sein, daß noch der eine oder andere von den zweiundzwanzig Schwerverletzten ... dann wird es wieder teurer."

Es war nicht Roheit, daß der Mann so sprach. Sie sind nicht roh, die Bewohner der Trümmer von Prüm; sie sind ganz dumpf. Laßt uns einmal sehen, was die Leute da so stumm aus den frischen Trümmern herausholen! Ein geblümtes Kleid (nur Fetzen, aber sie falten es zusammen und packen es ein), ein Holzpferdchen, eine Pfanne ... Der Mann, der vorhin sprach, hatte in den Jahren nach dem Kriege sein Haus wiederaufgebaut. Es hat ihm hohe Kosten verursacht. Jetzt liegen die Trümmer da, wertlos, billig... Wer sich ein paar Steine davon nehmen will, mag sie nehmen. Und dennoch! An der Tiergartenstraße – sie gleicht einem Pfad, der durch den Staub führt, als sei er quer durch roten Schnee gebahnt –, an der Tiergartenstraße also nageln zwei Männer für ein halbdemoliertes Haus ein neues Dach aus Brettern. Die Bewohner Prüms und viele Leute aus der Umgebung schlürfen hin und her, sehen es sich immer wieder an, dieses trostlose Bild der zerstörten Stadt, und sehen sprachlos auf die beiden Männer, die zu ihren Häupten sitzen und hämmern ...

Droben, wo die Tiergartenstraße endet, dort endet auch jegliches Leben. Kein Baum, kein Strauch lebt mehr. Drunten die Stadt sieht aus, als wäre die Schlacht von Prüm gestern gewesen. Hier oben der Berg sieht aus wie ein rötlicher riesiger Tierleichnam, wie der Kadaver eines überdimensionalen Walfisches mit seinem geschwungenen Rücken. In diesem Ungetüm klafft eine Wunde –: zweihundert Meter lang, fünfhundert Meter breit, sechzig Meter tief. Von hier ist die Zerstörung ausgegangen. "Unglaublicher Leichtsinn, so nahe bei, der Stadt... wassage ich? –: unmittelbar anschließend an die Stadt ein Sprengstoffdepot anzulegen! sagt ein Bürger aus Prüm. – "Wer hat das Depot angelegt?" –"Na, wer wohl? Die Franzosen!" – "Alte deutsche Munition?" – "Na, ’s mag auch alte Munition dabei gewesen sein. Aber hauptsächlich war’s Sprengstoff, frisch herangekarrt, immer wieder frisch herangekarrt. Sie nahmen sozusagen prisenweis davon, wenn sie Westwallbunker sprengten. Das Depot war selber so ein Bunker gewesen, angelegt als Luftschutzkeller für tausend Soldaten, darüber lagen fünfzig Meter gewachsene Erde. Da waren zwei Stollen, je sechzig Meter tief. Und darin, wie man heute plötzlich hört, staken mehr als sechshundert Tonnen Sprengstoff. Früher war’s nicht herauszukriegen. Na, die Menge hat dann auch vollkommen ausgereicht ..."

Drunten liegt die Stadt rötlich zugedeckt, tot... Wie war das noch? Damals war’s der Tag vor Weihnachten 1944. Zwei Stunden hindurch griffen die Flugzeuge Prüm an, in sieben "Wellen". Da war die Stadt zu achtzig Prozent zerstört. Es kam der Frieden, und die Leute aus Prüm machten sich an die Arbeit. Wieder wohnten fast so viele Bürger in der Stadt wie früher – nahezu dreitausend. Man weiß, die Leute von Prüm sind fromm. Den Berg, der am 15. Juli 1949 Feuer spie, nannten sie Kalvarienberg. Der Kreuzweg führte hinauf mit den Stationen des Leidens Christi. Droben stand eine Kapelle, neben dem Munitionsdepot... Ach, es ist schaurig, dies alles zu hören! Wir Menschen -haben den Krieg noch in den Gliedern, und unsere Erde birgt immer noch den Krieg in betonierten Höhlen. Was redet man uns vom Frieden! In Prüm hat der Krieg noch einmal ein Gastspiel gegeben. Da flogen auf dem Kalvarienberg die frommen Steinbilder der Apostel und Engel durch die verdüsterte Luft. Nur die Skulptur Christi, wie er auf dem Ölberg betete, blieb unversehrt... Verschwunden aber ist jener Teil der oberen Stadt, den der Krieg übriggelassen hatte. Hörte man nicht das Klopfen der Hämmer, so müßte man glauben, das Schicksal der Stadt sei nun endgültig besiegelt. Und nur zehn Tote, nur zweiundzwanzig Schwerverletzte, sechsundsiebenzig Leichtverletzte? Ist es über alle Maßen außergewöhnlich zu nennen (um diesen gelinden Ausdruck zu gebrauchen), daß derartig nahe einer menschlichen Siedlung ein derartig großes Sprengstoffdepot angelegt wurde, so ist gleichfalls über alle Maßen außergewöhnlich die Tatkraft eines Mannes zu nennen, der Tausenden das Leben gerettet hat.