E. G. London, Mitte Juli

Seit dem Generalstreik von 1926 hatte keine britische Regierung dem König empfohlen, einen industriellen Notstand zu-verkünden. Jetzt war es der Labour-Ministerpräsident Attlee, der gemessenen Schritts dem Sprecher des Unterhauses die Botschaft des Königs überreichte, die einen Notstand aus Anlaß des Londoner Hafenarbeiterstreiks proklamierte. Daraufhin wurden 6000 Soldaten nicht nur zum Löschen verderblicher Lebensmittel (dafür bedarf es keines Notstandes), sondern auch zum Laden von Waffen für Hongkong und von Exportgütern friedlicher Art eingesetzt.

"Es ist der sinnloseste Streiks den wir je hier im Hafen gehabt haben", meinte ein alter Schauermann. Doch er fügte knirschend-entschlossen hinzu: "Aber auf kanadischen Streikbrecher-Schiffen arbeiten – kommt nicht in Frage!" Also handelt es sich um Loyalität gegenüber den kanadischen Gewerkschaften? Ach, wenn es doch so einfach wäre...

Gewiß, die Geschichte des Streiks beginnt in Kanada am 31. März. An diesem Tage wurde von einem Schiedsgericht des kanadischen Arbeitsministeriums der Spruch in einem Lohnstreit zwischen den Reedereien und zwei Seemanns-Gewerkschaften gefällt. Den Reedereien wurde das von ihnen geforderte Recht auf Lohnsenkung zugebilligt. Die Seafarers International Union (der gemäßigten American Federation of Labour angeschlossen) nahm den Spruch an. Die nachweislich von kommunistischen Aktivisten stark beeinflußte Canadian Seamen‘s Union dagegen lehnte den Spruch ab und rief zum Streik am 1. April auf. Ihr Streik war bei den Seeleuten wenig populär. Viele von ihnen kündigten, der C. S. U. die Freundschaft und Mitgliedschaft und gingen zur Konkurrenz, zur S. 1. U. Sie wollten lieber zur niedrigeren Heuer fahren als zur höheren Heuer feiern.

Den kanadischen Reedern sollte das recht sein: Als auf-zwei Schaffen in britischen Häfen, der "Argomont" und der "Beaverbrae" ein Teil der Besatzung streikte, glaubte man sehr schnell aus der Klemme herauszukommen, indem man Anfang Mai Ersatzmannschaften nach England flog. Das schien ungefährlich; der Streik im Kanada flackerte nur noch. Eben deshalb reisten etwa gleichzeitig einige der kommunistischen Aktivisten, aus Kanada nach Bristol. Sie setzten es mit Hilfe des kommunistischen Streikapparates in England durch, daß sich die Hafenarbeiter erst in Bristol, dann in Liverpool weigerten, schwarze "Streikbrecher-Schiffe" zu entladen. Schließlich löschten Truppen, den verderblichen Teil der Ladung, und "Argomont" und "Beaverbrae" konnten abdampfen. Der Dockarbeiter-Streik in Bristol und Liverpool brach zusammen.

Nächster Hafen London. Die Hafenarbeiter weigerten sich auch hier, die beiden Schiffe zu "bemannen". Die Arbeitsvermittlung (verstaatlicht, mit Gewerkschaftsvertretern in der Leitung) drückte ein Auge zu, ließ anderen Schiffen den Vortritt, ließ die Kanadier warten. Dann wurde zwischen den kanadischen Reedern und den aus Mitgliedern der C. S. U. und S. I. U. bestehenden beiden Besatzungen eine Sonderregelung getroffen: die alten Heuern für diese Reise, keine Diskrimierung gegen Streiker, freie Wahl der Gewerkschaftszugehörigkeit. Vier Tage ging daraufhin die Löschung in London gut. Dann schossen die kommunistischen Besatzungsmitglieder der "Beaverbrae" – eine Minderheit – quer. Sie behaupteten (wie inzwischen erwiesen ist, fälschlich), daß die Reedereien das Abkommen verletzt hätten. Sie bedrohten die nicht-kommunistischen Besatzungsmitglieder (nach deren glaubwürdigen Aussagen) mit Tätlichkeiten, falls sie sich zur Arbeit (und damit zur Aufnahme von 1600 D. P. ‘s in Deutschland und zur Heimkehr) bereitfänden. Die besten Detektive von Scotland Yard schützen die arbeitswilligen Seeleute der "Beaverbrae" – und warten auf eine Unvorsichtigkeit der kommunistischen Minderheit.

Ja, das ist der Anlaß zum Londoner Hafenarbeiterstreik! Wirklich der sinnloseste Streik, den man sich denken kann. Er wurde auch von Anfang an von sämtlichen beteiligten britischen Gewerkschaften abgelehnt. Die Arbeiter schieben die Schuld auf die Arbeitsvermittlung, die nach der erwähnten Einigung auf der turnusmäßigen Abfertigung der beiden Schiffe bestand. Die Arbeiter weigerten sich, auf diesen beiden Schiffen zu arbeiten, erhielten daraufhin keine Arbeit auf anderen Schiffen und behaupten nun, nicht zu streiken, sondern ausgesperrt oder doch mit Ausgesperrten solidarisch zu sein.