München hat jetzt auch ein Zimmer-Theater. Da es aber in Schwabing (an der Ecke Elisabeth-Teng-Straße) und noch dazu im vierten Stock unterm Dache liegt, ist es ein „Atelier“-Theater und nennt sich auch so. In dieses Atelier sind für etwa siebzig bis achtzig Personen Sitzbänke amphitheatralisch-steil eingebaut, so daß jeder Platz gleich gut und dem Bühnengeschehen ohne Halsverrenken nahe ist. Gespielt wird im Nebenzimmer; die stark verbreiterte Türöffnung wirkt nur noch als Rahmen; dies aber angenehmerweise. Doch fehlt (zur Guckkastenbühne) die Rampe, und man vermißt sie nicht.

In diesem neuesten und intimsten aller Münchner Theaterchen, das zwei junge Schauspieler, Ingeborg Zoozmann und Herbert Weickert, ersonnen und dann auch gleich selber ausgebaut haben, spielt man unter Walter Janssens Leitung nun allabendlich vor netten Leuten, die sich wie eingeladen vorkommen und es vielleicht auch sind, John Steinbecks „Von Mäusen und Menschen“ (Of mice and men). Dieses Schauspiel hatte letzten Herbst im Erlanger Markgrafentheater einen besonderen Erfolg, an dem neben Berufsschauspielern Studenten sogar den Hauptanteil hatten. So wie es damals Laienspieler ertrug, so erträgt und rechtfertigt es jetzt die Tuchfühlung mit dem Zuschauer. Es ist eben ein gutes Stück, merkwürdigerweise, obwohl es einen pathologischen Fall umkreist. Denn dieser bärenstarke Riese Lennie, der alles, was er bloß streicheln möchte (wie zum Beispiel Mäuse, junge Hunde und Kaninchen), erdrückt und der ihm zu nahe rückenden Frau des jungen Farmers das Genick bricht beim Versuch, ihr den schreienden Mund zuzuhalten, ist ja wirklich ein Mensch „außer der Reihe“. Aber das wird nicht abwehrend, sondern – von Dichters Gnaden – als Gleichnis menschlicher Schwäche und Ungeordnetheit empfunden und überspült von Rührung über die freundschaftliche männliche Verbundenheit zwischen dem infantilen Mords-Kerl und seinem Freund George, der ihn durchs Leben zu lotsen trachtet. Dieser Versuch endet schlecht. Denn George, ehe er den Mörder wider Willen der Lynchjustiz des racheschnaubenden Farmers aussetzt, erschießt ihn schließlich, freundschaftshalber, selbst. Solch ein Schluß wirft Fragen auf; aber er steht sehr eindrucksvoll gegen jenen Hintergrund harten, von armen Glücksphantasien vorangetriebenen, von echter Not-Kamerädschaft gehaltenen Lebens, wie es (hiernach) im reichsten Land der Welt, USA, gelebt wird.

Die Vorschule der Intimität, die beide an der „Kleinen Komödie“ durchlaufen haben, ist der Spielleiterin Beate von Molo und dem Bühnenbildner Janni Loghi im „Atelier“ zugute gekommen: sie haben mit sparsamsten Mitteln ein Äußerstes erreicht. Der Eindruck, den der Ringer-Professional und Schauspieler Hans Schwarz je. als Lennie und Wolfried Lier als George machten, war deshalb so stark, weil der Gegensatz zwischen dem gutmütigen Koloß, der nur eben seinen Motor nicht in der Gewalt hat, und dem (berlinisch) fixen Kerlchen, das sich seiner annimmt, eher gedämpft als aufgedrungen wurde, Leider hat Beate von Molo den Schluß zur tragischen Idylle und Großaufnahme vereinfacht, indem sie das näherkommende Halali der zum Lynchen bestellten Farmleute wegließ. So fehlte der schrecklichen Freundschaftstat das Unausweichliche. Ausgezeichnet nach Typ und Gebaren spielte Gisela Trowe das rothaarige Luder, dem sein Appeal to sex so schlecht hinausgeht,

Der Beifall, den das „Ateliertheater“ bei den Anwesenden wie bei der Münchner Presse gefunden hat, war ungemein ermutigend. Jetzt wird es nur darauf ankommen, ob alle Abend siebzig Münchner und zehn Zugereiste (oder umgekehrt) sich bereitfinden, diesen neuen Parnaß zu erklimmen. Daß auch physisch kein Marter-Berg draus werde, dafür sorgt ein Lift, und droben ein Büfett im Zimmerfoyer. Es wäre entzückend, wenn ein entzückbarer Mäzen, wenigstens über die immer schwierigen Anfangszeiten hinweg, diese letzte, dem Experimentieren günstige und entschieden anmutige Schöpfung Schwabings fern aller Sorgen hielte. Hanns Braun