Südamerika sucht neue Partner

Von unserem Sonderberichterstatter Ernst Samhaber

Santiago de Chile, im Juli

Mit größter Spannung hat Südamerika die Verhandlungen in Paris verfolgt. Dabei stand nicht das Schicksal Deutschlands oder Österreichs im Vordergrund, sondern die Frage, ob es einen dritten Weltkrieg geben wird oder nicht. Südamerika ist heute durch den Pakt von Rio de Janeiro mit den Vereinigten Staaten verbündet. Ein Angriff auf amerikanische Truppen, auch auf die Besatzungsmacht in Deutschland, zwingt die südamerikanischen Republiken, sofort mit ganzer militärischer Macht in den Krieg einzutreten. Wichtiger noch sind aber die wirtschaftlichen Überlegungen.

Wenn es Krieg gäbe, dann würden die südamerikanischen Rohstoffe und Lebensmittel wieder in der Welt unentbehrlich sein. Dann gingen die Preise wieder in die Höhe und die Spekulation könnte sich frei entfalten. Seit Monaten kriselt es. Die Preise brodeln ab, der Dollarmangel legt angefangene Baupläne still und der Unternehmungsgeist wird durch die allgemeine Unsicherheit gelähmt. Er kann erst wieder wagen und sich betätigen, wenn die Frage entschieden ist: Gibt es Krieg oder nicht? In aller Deutlichkeit wird dazu in der nordamerikanischen Berichterstattung erklärt, daß die Kriegsgefahr nicht beschworen, ja kaum vermindert ist, und daß weiterhin äußerste Wachsamkeit geboten bleibt. In diese Feststellung hinein mischt sich zugleich der Ausdruck der Befriedigung, daß es zum ersten Male gelungen sei, die Sowjetunion aus der Offensive in die Defensive zu drängen, ihrer Politik eine empfindliche Niederlage beigebracht zu haben und nun in der Lage zu sein, andere europäische Fragen aufzuwerten.

Dieser Berichterstattung entspricht auch die Pressepolitik in Südamerika selbst. Der Kampf gegen den Kommunismus wird energisch weitergeführt. Neben dem geistigen Ringen, geführt von zahlreichen antikommunistischer Zeitungen und Zeitschriften, steht die Beobachtung und Überwachung der Personen, die gefährlich werden könnten. Darüber hinaus sind zahlreiche Kräfte tätig, um die unterirdischen Verbindungen der Kommunisten aufzuspüren, insbesondere dort, wo diese Partei verboten und auf die Arbeit im Dunkeln angewiesen ist. Anders wäre es nicht zu erklären, daß die amtlichen Stellen in Washington über interne Vorgänge in Dienststellen und Betrieben etwa in Chile so hervorragend unterrichtet sind, wie sich das bei Gelegenheiten immer wieder erweist.

Der kalte Krieg geht weiter, das ist der Eindruck, den die amerikanische Propaganda in Südamerika erweckt. Die Aufrüstung geht also auch weiter. Einmal muß jedoch der Augenblick kommen, da die Rüstung allein die großen Überschüsse Südamerikas nicht länger aufzunehmen vermag. Viele Südamerikaner sind der Auffassung, daß dieser Augenblick bereits gekommen sei, wie der Preisrückgang für Kupfer erweisen könnte, und daß es Zeit ist, die eigene Politik der veränderten Lage in Europa anzupassen, statt weiter mit der schwelenden Kriegsgefahr zu rechnen.

Englands Vertrag mit Argentinien

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Das erste konkrete Resultat dieser Gedankengänge ist der englisch-argentinische Vertrag. Er gibt England in diesem wichtigsten Absatzgebiet eine überragende Stellung. Es wird fast ganz allein bedeutende Bedürfnisse befriedigen dürfen, die bisher so gut wie ausschließlich von der nordamerikanischen Ausfuhr gedeckt wurden, wie die Nachfrage nach Automobilen landwirtschaftlichen Geräten und schweren Maschinen. Die nordamerikanische Öffentlichkeit hat dementsprechend das Abkommen scharf angegriffen.

In den beiden Jahrzehnten nach dem ersten Weltkrieg galt als allgemeine Regel, daß die Engländer 40 v. H. der argentinischen Ausfuhraufnahmen und 25 v. H. der argentinischen Einfuhr lieferten, während die Vereinigten Staaten gerade umgekehrt nur 25 v. H. der Ausfuhr übernahmen und dafür 40 v. H. der argentinischen Einfuhr stellten. Vor der großen Weltwirtschaftskrise 1929 wurden die britischen Anlagewerte in Argentinien auf 500 Millionen Pfund Sterling geschätzt – und das waren noch richtige Goldpfundel Zur gleichen Zeit erreichten die britischen Kapitalanlagen in Britisch-Indien nur 375 Millionen Pfund. Gestützt auf diesen Rückhalt konnte England den Handel am La-Plata-Strom in hohem Maße über London leiten. Britische Banken bevorschußten die argentinische Ernte, britische Kaufleute kauften sie teilweise schon auf dem Halm, britische Lagerhäuser lagerten sie in Buenos Aires ein, britische Schiffe brachten sie nach Europa, wobei sie von britischen Versicherungsgesellschaften versichert wurden. Aber Argentinien erhielt ausdrücklich einen ausreichenden Anteil an der britischen Fleischversorgung zugesichert.

Wie ganz anders war die amerikanische Politik! Sobald Argentinien Fleisch nach den Vereinigten Staaten liefern wollte, erhoben sich die Vertreter der Viehzüchter in Texas. Sie setzten nicht nur hohe Schutzzölle durch, sondern sorgten dafür, daß bei den Einfuhrbehörden die Beamten sanitäre Vorschriften vorschützten, um jede Fleischeinfuhr aus Argentinien unmöglich zu machen. Sobald argentinisches Fleisch ankam, wurde es einer ärztlichen Untersuchung unterworfen, die jedesmal feststellte, daß die argentinischen Tiere krank gewesen seien.

Nun konnte kaum eine Behauptung die Argentinier derart kränken wie diese, sind sie doch stolz darauf, das beste Fleisch der Welt zu erzeugen, So gehörten die Sympathien der Viehzüchter – und sie stellen in Argentinien den politisch einflußreichsten Teil der Bevölkerung und beherrschen die öffentliche Meinung – einseitig England.

Südamerika bekam allerdings für seine Ausfuhren nach England nur Pfund Sterling, mit denen es seine wichtigste Einfuhr nicht bezahlen konnte, weil diese in Dollar verrechnet wurde. Erst wenn England auch solche Güter lieferte, die bisher nur gegen Dollar erhältlich waren, wie Steinkohle und Erdöl, und Argentinien dafür auch solche Waren in sein Land hereinließ, die bis dahin als Luxus angesehen wurden, wie etwa Whisky, war es möglich, den Handelsverkehr auf eine breitere Basis zu stellen. Praktisch bedeutet das, daß Argentinien künftig seine Einfuhr mit England auf Pfundbasis verrechnet und entsprechend umstellt. Für die Einfuhr nordamerikanischer Waren werden nur die Devisen bereitgestellt, die sich aus nordamerikanischen Käufen in Argentinien ergeben. Wenn die Vereinigten Staaten künftig ihren Absatz in diesem Lande ausweiten wollen, so können sie das nur über eine entsprechende Öffnung ihres eigenen Marktes. Das setzt jedoch einen grundlegenden Wandel in ihrer Einfuhrpolitik voraus.

Deutschland ist unentbehrlich

Wer heute durch Südamerika fährt und mit den Kaufleuten oder den Industriellen spricht der hört nur eine Frage Wann kommet die deutschen Waren wieder? Trotz der Trennung von zehn Jahren, trotz der wirtschaftlicher Schwierigkeiten, trotz aller gegenteiligen Propa ganda und mancher feindseliger Strömungen auf der Kriegszeit ist der Wunsch, mit Deutschland in einen gesunden Warenaustausch zu kommen größer denn je. Das ist nicht die Frucht falsche! Hoffnungen, sondern das Ergebnis bitterer Er fahrungen.

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Die Siegermächte glaubten Deutschland er setzen zu können. Konnten sie nicht alles liefern was das Herz begehrte? Erzeugt ihre mächtige Industrie nicht heute wesentlich mehr als die alle! Länder der Erde zusammen vor dem erster Weltkrieg? Das war jedoch sehr einseitig von eigenen Standpunkt aus gesehen, vom nordamerikanischen Export aus. Denn wo bleiben die Südamerikaner mit ihrer Ausfuhr? Erst du letzten Jahre haben gezeigt, wie sehr Deutschland als Absatzmarkt unentbehrlich ist und daß von Absatz auch die Möglichkeit des zweiseitige Warenaustausches abhängt.

Nordamerika ist kein Partner für Südamerika Es kann wohl liefern, aber es kann nicht genügend abnehmen. Was sollen die Vereinigter Staaten mit dem Weizen, dem Mais, dem Kupfer und dem Salpeter, dem Zucker und,der Baumwolle der südamerikanischen Republiken anfangen? In Kriegszeiten war alles gleichgültig, da verschlang die unersättliche Kriegsmaschine alles, was ihr in den Rachen geworfen wurde, Dann, nach Kriegsende, nahm die Spekulation alles auf. Da kauften die Händler in New York alle Wolle, derer sie habhaft werden konnten, oder die großen internationalen Verteilungsorganisationen alle Lebensmittel, die aufzutreiben waren, um sie dann mit Gewinn an die Verbraucher weiterzugeben. Heute kann aus der Not und dem Hunger der Alten Welt kein Geschäft mehr gemacht werden. Die Zeichen der Zeit haben sich geändert. Heute heißt die Gefahr "Überproduktion".

Südamerika ist sich dabei der Gefahr noch nicht bewußt, die für seinen Handel inzwischen in Osteuropa aufsteigt. Die Sowjetunion hat zwei gute Ernten hinter sich und erwartet eine noch bessere für dieses Jahr. Sie braucht deutsche Industrieartikel mindestens ebenso dringend wie die Südamerikaner, und sie ist in der Lage, die meisten landwirtschaftlichen Güter im Austausch anzubieten, die Südamerika verkaufen will. Die wenigen Tropenfrüchte und Kaffee und Kakao können nicht die Grundlage des deutschen Südamerikahandels abgeben.

So ist Deutschland wirtschaftlich und damit politisch in einer sehr viel stärkeren Stellung als Südamerika, sollte es einmal zu einer ernstlichen Verhandlung zwischen souveränen Staaten kommen. Die Zeiten, da die hungrigen Länder vor den Türen der reichen Erzeuger Schlange standen und Deutschland bedeutet wurde, daß es als reuiger Sünder sich ganz hinten anzuschließen hätte, sind vorüber. Heute ist der Kunde, nicht der Verkäufer der stärker Umworbene. Daran kann keine Besatzung und kein Eingreifen von Interessenten etwas ändern. Es erheben sich in Südamerika genügend Stimmen, die offen zugeben, daß der Ausrottungskrieg gegen den deutschen Handel während des Krieges auf nordamerikanischen Druck hin ein schwerer Fehler war; es fehlt jedoch der Entschluß, diesen Fehler rückgängig zu machen. Noch hat Südamerika nicht eingesehen, was ihm der deutsche Markt wirklich wert sein müßte. Noch läßt es sich von der Hoffnung umgaukeln, daß der Handel mit Nordamerika irgendwie in Gang kommen wird, wenn durch ein Zauberwort der Dollarmangel beschworen werden könnte.