Werden die USA weiter dabei bleiben können,ihre ostasiatische Politik auf Eis zu legen und ihre ganze wirtschaftliche und militärische Kraft auf Europa und den Atlantikpakt zu konzentrieren? Das ist eine Frage, die uns sehr nahe angeht; unerschöpflich ist der amerikanische Reichtum nicht, und wenn sich die Vereinigten Staaten eines Tages gezwungen sehen sollten, den kalten Krieg als Zweifrontenkrieg zu führen, so werden sie die wirtschaftliche Hilfe für Europa zweifellos vermindern müssen. Wir haben allen Grund, uns diese Möglichkeit gerade jetzt vor Augen zu halten. Zur gleichen Zeit nämlich, in der in Washington die amerikanischen Senatoren immer noch über die Ratifizierung des Atlantikpaktes debattierten, trafen sich in der philippinischen Sommerresidenz Baguio Chinas Marschall Tschiangkaischek und der philippinische Staatspräsident Quirino, und als Ergebnis dieser Begegnung erließen sie gemeinsam einen Aufruf zu einer engen Zusammenarbeit der fernöstlichen Länder gegenüber dem Ernst der kommunistischen Drohung. Als dritter hat bereits der Präsident von Südkorea, Syngman Rhee, dem Plan einer solchen Union grundsätzlich zugestimmt. Und da Tschiangkaischek immer noch Führer der Kuomintang ist und neuerdings auch Präsident des engeren Kriegskabinetts, werden seine Abmachungen von der nationalchinesischen Regierung gewiß bestätigt werden. Ein Dreierbündnis als Beginn eines Pazifikpaktes dürfte also bald ins Leben treten. Bisher hat das State Department den Aufruf von Baguio nur höflich begrüßt, im übrigen aber den beteiligten Staaten deutlich die kalte Schulter gezeigt. Die zukünftige Politik der USA gegenüber China, so wurde offiziös mitgeteilt, werde aus dem in etwa vierzehn Tagen zu erwartenden amerikanischen Weißbuch hervorgehen. Und dennoch muß man fragen: Wie lange wird Washington diesen ablehnenden Kurs beibehalten können?

Die Reise Marschall Tschiangkaischeks nach den Philippinen kann als ein Meisterstreich der Politik bezeichnet werden – gerade angesichts jenes zu erwartenden amerikanischen Weißbuches, über dessen Inhalt man kaum im Zweifel zu sein braucht. Die China-Politik der USA hat im eigenen Land sehr viel Mißvergnügen erregt und scharfe Kritik hervorgerufen. Es ist kein Geheimnis, daß General Wedemeyer, der Sonderbeauftragte Präsident Trumans in China, seinerzeit zu völlig anderen Ergebnissen über die Richtung gekommen ist, in der die amerikanische China-Politik verlaufen müßte, als der damalige Staatssekretär General Marshall. Er war für eine weitere Unterstützung Tschiangkaischeks und versuchte mit guten Gründen das einseitige .Bild zu zerstören, das der verstorbene amerikanische General Stil well von den chinesischen Parteien geschaffen hatte, daß nämlich Mao Tsetungs Kommunisten biedere demokratische Landreformer seien und die Kuomintang samt ihrem Führer Tschiangkaischek hoffnungslos korrupte totalitär gesonnene Reaktionäre. Marshall hatte die Berichte Stil Wells zur: Grundlage seiner Politik .gemacht und konsequent die Denkschriften Wedemeyers abgelehnt. Hieraus ist die seinerzeitige China-Politik der USA entstanden. Das Weißbuch wird versuchen, sie zu verteidigen. Es wird allerdings nunmehr wohl zugeben müssen, daß die chinesischen Kommunisten moskauhörig sind und daß Moskau sie die ganze Zeit hindurch .unterstützt hat. Für die zukünftige Politik dürfte als Ergebnis herauskommen, daß man am besten tun werde, abzuwarten und die Chinesen sich selbst zu überlassen. Doch da ist nun Tschiangkaischek zuvorgekommen: er hat in den amerikanisch kontrollierten Raum des Pazifiks eingegriffen und sich aus ihm heraus zwei Partner gewählt, die Philippinen und Südkorea.

Von einem Pazifikpakt würde schon gesprochen, als noch niemand an einen Atlantikpakt dachte. In der Hauptsache ging es dabei um Fragen der gemeinsamen Verteidigung, die insbesondere zwischen Australien und den USA verhandelt worden sind. Zu irgendeiner vertraglichen Übereinkunft ist es dabei nicht gekommen. Ebensowenig haben die von Pandit Nehru einberufenen asiatischen Konferenzen in Delhi zu irgendeinem festen Zusammenschluß geführt. Das allgemeine Urteil über die Möglichkeiten eines Paktes, der die Länder des Pazifischen und Indischen Ozeans vereinigen könnte, wurde von den großen Staaten Indien, Australien und den USA übereinstimmend in die Worte gefaßt, die Zeit sei noch nicht reif, die Staaten seien zu ungleich – und zum Teil auch noch nicht gefestigt – in ihrer inneren Entwicklung. Solange die kommunistischen Bewegungen in den einzelnen Ländern hinsichtlich ihrer Stärke noch unübersichtlich seien, könne ein Pakt mit militärischen Bindungen nicht abgeschlossen werden.

Mit militärischen Fragen. jedoch hat der Pakt von Baguio nichts zu tun, er handelt ausdrücklich nur von kultureller und wirtschaftlicher Zusammenarbeit. Es ist in ihm zwar von Solidarität und gegenseitigem Beistand die Rede, aber nicht von militärischen Verpflichtungen, Gegen ein so friedliches Bündnis können die USA nicht gut etwas einwenden, auf keinen Fall können sie mit einer Abkühlung der freundschaftlichen Gefühle für die Philippinen oder Südkorea drohen. Gerade jetzt hat der amerikanische Staatssekretär Acheson im Kongreß dringend für einen Kredit von 150 Millionen Dollar an Südkorea plädiert. "Wir wissen", sagte Acheson vor der Kommission für Auswärtige Politik, "daß die Sicherheit der Vereinigten Staaten beeinträchtigt würde, wenn die Kommunisten sich ganz Koreas bemächtigten, denn dann würden sie näher an Japan heranrücken... Wir können nicht einfach abziehen und räumen, ohne diesen Leuten, die uns vertraut haben, irgendeine Chance zu geben, sich am Leben zu halten. Das entspräche nicht amerikanischem Anstand." Syngman Rhee hat zur gleichen Zeit den Amerikanern öffentlich versprochen, daß Südkorea niemals eine Regierung dulden werde, die auch nur ein einziges kommunistisches Mitglied enthielte. Darüber könne man in den USA beruhigt sein. Welcher Wandel seit den Zeiten, da Marshall in China eine Koalition mit den Kommunisten erzwingen wollte!

Zweifellos, Washington kann weder die Philippinen noch Südkorea im Stich lassen. Mit beiden Ländern aber, die so eng mit den USA verbunden sind, wird die nationalchinesische Regierung jetzt ein Bündnis gegen die kommunistische Drohung abschließen. Es liegt auf der Hand, daß es Tschiangkaischek gelungen ist, die Vereinigten Staaten wieder mit der nationalchinesischen Politik in Verbindung zu bringen; und das in einem Augenblick, da man sich in Amerika von ihr betont distanzieren wollte.

Damit aber sind die Möglichkeiten, die sich aus dem Pakt von Baguio für die amerikanische Ostasienpolitik ergeben können, noch nicht erschöpft. Die USA haben es im Fernen Osten – ebenso wie in Europa – nicht nur mit selbständigen freien Staaten zu tun, von denen sie sich jederzeit trennen können, sondern auch mit einem unfreien, von amerikanischen Truppen besetzten. – Was Deutschland für Europa und den Antlantikpakt bedeutet, das stellt Japan im pazifischen Räume dar. Und Japan ist in hohem Maße von dem Schicksal Chinas abhängig. Nun bestehen Anzeichen dafür, daß die nationalchinesische Regierung seit dem Abschluß des Paktes von Baguio ernstliche Anstrengungen macht, sowohl bei der amerikanischen Besatzungmacht wie beim japanischen Außenministerium ein wohlwollendes Einverständnis mit den Zielen des neuen antikommunistischen Bündnisses zu erreichen.

Daß in Japan hierfür ein ernsthaftes Interesse bestehen könnte, ist sehr wahrscheinlich. In normalen Jahren vor dem Kriege gingen rund 65 v. H. des japanischen Exportes nach Ländern in Ostasien. Die Hauptabnehmer waren die Mandschurei, Korea, Formosa und China. Aus den gleichen Ländern erhielt Japan den größten Teil, seiner Importe an Nahrungsmitteln und Rohstoffen. Von ihnen fallen heute die Mandschurei, Nordchina und Nordkorea aus, und die Exporte sind im ganzen so zurückgegangen, daß Japans Handelsbilanz mit 570 Millionen Dollar passiv ist. Das Defizit wird zum größten Teil von den Vereinigten Staaten getragen, die heute 60 v. H. des japanischen Imports bestreiten. Dieser ungesunde Zustand schleppte sich in der Nachkriegszeit mehr schlecht als recht dahin bis zum Ende des letzten Jahres. Die japanische Regierung vertraute auf den amerikanischen Beistand und manipulierte den Yen für den Außenhandel mit Hilfe verschiedener Dollarkurse sowohl für Ex- und Import wie auch für die einzelnen Warengattungen.