Von Günther Steffen

Durch einen seltsamen Namensmißbrauch ist ein Mann, der über die Doppelnatur des Menschen mehr zu sagen wußte, als sich die Schulphilosophie seiner Zeit träumen ließ, zur Schreckensfigur geworden, deren Neigungen nicht nur im Konversationslexikon als verwerflich und verabscheuenswert beschrieben werden. Es soll hier keine "Ehrenrettung" für den Marquis de Sade versucht werden. Eine solche Gestalt ist mit moralischen Werturteilen nicht zu erschöpfen. Um die Ursache einer Krankheit zu erfahren, muß man die Symptome kennen. Oft ist es der Arzt, der die Wirkung des Giftes am eigenen Leibe studiert. Sade hat sich nicht davor gefürchtet.

Das achtzehnte Jahrhundert hatte Angst vor dem Marquis de Sade und sperrte ihn in die Bastille. Das neunzehnte verbannte seine Werke schaudernd in die Giftschränke der Bibliotheken. Aber Nietzsche und Baudelaire waren ihm auf der Spur. Swinburne prophezeite: "Seine Stunde wird kommen. Altäre werden ihm errichtet. Vor jedem Piedestal wird man ihm Opfer bringen ..." Niemand, der hoffnungsloser, blasphemischer, "nihilistischer" geschrieben hätte als Sade. Sein Werk ist eine phantastische Kosmologie des Grauens, sein Reich die gigantische Theokratie der Begierde.

Der Marquis ist ohne; Vorläufer, ohne Kontakt mit seiner Zeit, ein völlig Einsamer, ein Asozialer, der konsequenteste spirituelle Vernichten, den die Philosophie des Unglaubens zu nennen weiß. Aber er selbst ist nicht nur der Vorläufer der modernen Sexulogen, der Psychoanalyse und der beschreibenden Psychopathologie – er ist der erste, der die "luziferische" Dimension, die Lust, das Böse zu tun, in ihrer fundamentalen Bedeutung für alle Bereiche der menschlichen Natur erkannte.

Sade war ein Mensch von bizarrer, unerschöpflicher Einbildungskraft, ein Rhetoriker des Exzesses – aber auch ein klarer, leidenschaftsloser Beobachter, ein Pedant des Abnormen. "Wir sind vor allem noch so unwissend in der Kenntnis der menschlichen Seele", steht in der ‚Nouvelle Justine "weil diejenigen, die über diese Dinge schreiben, eine stupide Zurückhaltung üben. Sie wagen es nicht, mit einem kühnen Griff in das Herz uns gewaltige Verirrungen zu zeigen."

Dreißig Jahre seines Lebens hat der Autor der "Justine in den Kerkern dreier Regierungssysteme geschmachtet. Napoleon ließ ihn schließlich ins Narrenhaus zu Charenton bringen, weil er bissige Bemerkungen über Josephine de Beauharnais gemacht hatte. Am 2. (Dezember 1814 starb er dort – "ohne Klage und ohne den Beistand eines Priesters". Die Zeitgenossen beschreiben ihn als einen schönen, sanftmütigen Greis von vierundsiebzig Jahren, mit auffellend hoher Stirn und klaren blauen Augen. Nodier, der ihn noch kurz vor seinem Tode sah, lobt die "vollendete, raffiniert zu nennende Höflichkeit" des Marquis.

Wir wissen im Grunde recht wenig von ihm. Knapp der vierte Teil seines riesenhaften Werkes ist erhalten; der Rest bleibt verschollen. Nach und nach entdeckt man Teile seiner Korrespondenz. Maurice Heine, sein Biograph, verbrachte viele Jahre in den Archiven, um wichtige Dokumente und Manuskripte zu entziffern. Erst vor kurzem fand man zahlreiche unbekannte Briefe an seine provençalischen Advokaten, die über sein Privatleben neue Aufschlüsse geben.