Bühne und Welt" nannte Carl Hagemann seine "Erlebnisse und Betrachtungen eines Theaterleiters" (Verlag Der Greif, Walther Gericke, Wiesbaden). Nicht ohne Selbstgefälligkeit – die sich besonders oft und gern der Bescheidenheit rühmt – schildert der verstorbene zweimalige Mannheimer Intendant, der, vom Journalismus kommend, einen schnellen Aufstieg zu anerkannter Bedeutung als Vorkämpfer einer modernen Inszenierungskunst nahm, seinen Werdegang und die Stationen seines Wirkens: Mannheim, Hamburg, Mannheim, Wiesbaden und Berlin. Unter den vielen Einzelheiten, die das Buch interessant und unterhaltend machen, muß besonders die Tatsache nachdenklich stammen, daß der geborene Harburger einzig und allein in Hamburg scheiterte. Da er auch hier den Staubwedel schwang, die damals Modernen: Wilde, Schnitzler, Bahr, Strindberg und Wedekind, im Deutschen Schauspielhaus einführte (so daß die Abonnenten ihre Töchter nicht mehr ins Theater mitnehmen konnten) und auch sonst lokale Gesellschafts-Kontrakte nicht berücksichtigte, kam er auf diesem Boden zu Fall, wo auch heute wieder ein Intendant darüber Klage führen muß, daß sein Theater leer bleibt, sobald er nicht im alten Geleise fährt ...

Die große historische Bedeutung Hamburgs als betont fortschrittlicher Theaterstadt – bestimmt und im wesentlichen begrenzt durch die Zeit des berühmt gewordenen Hauses am Gänsemarkt, Pioniertaten der Oper vor 1933 und die Ära Ziegel in den Kammerspielen – wirkt, von den Bemühungen der jüngsten Gegenwart abgesehen, vor allem in einer eifrigen und pietätvollen Pflege der Erinnerung an diese Glanzepochen nach. Aus ihr erblühte eine reiche Theaterliteratur, die sich auch heute wieder mit den vielseitigen Problemen der Bühnenkunst befaßt, deren praktische Lösungen so wenig Gegenliebe bei einem im Grunde unveränderlich konservativen Publikum finden. So erscheint im J. P. Toth-Verlag, Hamburg, eine Schriftenreihe "Hamburger Theaterbücherei", die Dr. Paul Th. Hoffmann, der Leiter der Theatersammlung der Hansestadt Hamburg, herausgibt. Sie umfaßt bisher die Bändchen: "Wandlungen im Bühnenbild" von Fritz Schumacher, "Der Regisseur" von Paul Legband, "Theaterbau der Zukunft" von Ernst Kirchhoff, "Expressionistisches Theater" von Lothar Schreyer, "Theater und Drama im deutschen Geistesschicksal" von Paul Th. Hoffmann, "Hamburgische Oper zwischen Barock und Romantik" von Kurt Stephenson und "Die Kunst der Marionette" von Heinrich Merck. Ein Autorenkreis von gründlichen Kennern geht hier geistige und technische Fragen der Bühnenkunst an, die zum Teil durch die künstlerische Entwicklung bereits gültig beantwortet sind, zum Teil erst gestellt und umstritten. Auch bei schwierigeren Materien ist die Darlegung in allen Schriften allgemeinverständlich gehalten, und so sollte angenommen werden dürfen, daß diese verdienstvolle Serie (Preis: je zwischen 2 und 4 DM) dazu beitragen könnte, das Verständnis für die inneren Gründe des äußeren Wandels theatralischer Gestaltungsinhalte und -formen zu vertiefen und zu verbreitern.

Glanz und Größe der Hamburger Theaterkultur bezüglich einer hochstehenden Traditionspflege und der Repräsentation bedeutender darstellerischer Talente finden ihre liebevolle Würdigung in dem Erinnerungsbuch Paul Th. Hoffmanns "Mit dem Zeiger der Weltenuhr" (Axel Springer Verlag, Hamburg); einem Buch, dessen Wert nicht nur in dem Reichtum des zur Schau gestellten persönlichen Erinnerungsschatzes liegt, sondern noch mehr in der dokumentarischen Bedeutung, die seiner Schilderung von Begegnungen mit Ereignissen und Gestalten der näheren Vergangenheit und ihrer heute in Schutt gesunkenen Stätten zukommt. Dresden und Hamburg sind Ausgangs- und Endpunkt der beschriebenen Lebensbahn, die auch München, Berlin und Wien, Heidelberg und Tübingen berührte, und aus deren Eindrücken sich Beziehungen formen, die ja auch außerhalb der persönlichen Sphäre einmal das künstlerische Leben der verschiedenen deutschen Zentren zu einer in sich vielfältigen Einheit verschmolzen. Besonders mag es den Leser erfrischen, daß in diesem Buche des Rückblicks auf Gewesenes und Verlorenes doch der Optimismus stärker bleibt als die Resignation.

Über die gesteigerte Angriffslust der Hamburger Bühnen, in dem Bestreben, unter schwierigen Verhältnissen Versäumtes nachzuholen und der zeitnahen Dichtung Raum zu schaffen, unterrichtet – neben wertvollen Aufsätzen grundsätzlichen und historischen Inhalts von berufenen Autoren – das "Hamburger Jahrbuch für Theater und Musik" (1947/48 und 1948/49), das Dr. Paul Th. Hoffmann im J. P. Toth Verlag, Hamburg, herausgab.

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Das Hamburg der Nachkriegszeit, mehr aber das erhalten gebliebene Atmosphärische der Ehe- und Hafenstadt ist das äußere und innere Heimatgebiet Wolfgang Borcherts, das als immer sichtbare Kulisse auch hinter seiner geistigen Gestalt steht; einer unvollendeten, nichtsdestoweniger aber großen und markanten Gestalt. Das Gesamtwerk des Dichters, dessen Mittelpunkt das Stück ist, das ihn berühmt machte: "Draußen vor der Tür", erschien jetzt bei Rowohlt im "Verlag Hamburgische Bücherei" mit einem biographischen Nachwort von Bernhard. Meyer-Marwitz. Ob man jenes aufwühlende Erfolgsstück, ob man die Erzählungen ("Die Hundeblume"!), Kurzgeschichten, Skizzen und Stimmungsbilder oder ob man die Gedichte betrachtet – stets bleibt dasselbe Gefühl zurück: daß mit Borchert eine der stärksten Dichterpersönlichkeiten unserer Zeit allzu früh ins Grab sank, um noch zu einer wenigstens ersten Reife zu gelangen, um sich soweit zu "fangen", daß die dichterische Kraft die menschliche Verlorenheit hätte bezwingen und besiegen können. Sein Werk ist Torso – nicht nur als Ganzes, auch im einzelnen; nicht nur in der Form, auch im Geist. Aber ein Torso, der Ehrfurcht abnötigt und ahnen läßt, wie Großes hier unverwirklicht blieb. A–th.