Von P. Sackarndt

Die Sonne geht in Bulgarien Anfang Juli um halb drei Uhr auf. Ein durchdringender Duft liegt über dem kilometerlangen Buschmeer, das rosafarben überschäumt ist. Zwischen den achten Reihen leuchten in der Frühsonne die grellen Kopftücher der Frauen. Sie pflücken Rosen morgens von vier bis zehn Uhr und abends von vier bis acht Uhr. Die Blüten dürfen nicht voll geöffnet sein, damit die Blätter mit einem Griff zu fassen sind. Wenn ein Säckchen voll ist, wird es auf einer der beiden Waagen, die unter Schatten spendenden Strohmatten am Feldrande aufgestellt sind, gewogen.

Von den drei- bis fünfjährigen Rosenbüschen liefert jeder im Verlauf der vier Wochen dauernden Erntezeit fünfhundert bis sechshundert Knospen, während es die sieben- bis zehnjährigen Stöcke auf tausend bis zweitausend bringen. Die "Rosenfabrik" liegt nahe beim Erntefeld. Keine Mauer umschließt diese Fabrik, offen ragen die grünen, innen blau emaillierten Zylinder unter ihrem Schutzdach aus der Talwiese. Bachwasser füllt sie zu drei Vierteln, da hinein rauschen jeweils vier Tragen von 50 bis 70 Kilo Rosenblätter. Ist dann die Haube festgeschraubt, so zischt aus den siebartigen Öffnungen eines Schlangenrohrs in der Kesselwand der glühende Dampf durch Wasser und Blumen und reißt mit Hitze und Druck den "Duft" hoch. Nach zweieinhalb Stunden sind die Rosen ausgelaugt, der Kessel kann entleert und sofort neu gefüllt werden. Aus der Kesselhaube fällt nun der duftgesättigte Wasserdampf durch einen Kondensator den Filtern zu – Gefäßen, in denen dem Wasserdampf die ätherischen öle entzogen werden. Sie stehen nach dem Prinzip der kommunizierenden Röhren miteinander in Verbindung. Das wichtigste Gefäß ist der kupferne "Florentiner Apparat", eine Art großer Kasserolle mit seitlichen Henkeln, dem ein armdickes, etwa 40 Zentimeter hohes Rohr mit plombiertem Deckel aufsitzt. In diesem Rohr sammelt sich das Feinste, die reine, butterartig geronnene "Paste". Doch noch ist die Mutterlauge voller Essenz. Sie schlägt sich nun in der Holzkohle nieder, die zwischen Gaze-Lagen die Zylinder der drei anderen Gefäße füllt. Immer geringer wird der Gehalt an Öl, bis schließlich klares, noch leicht parfümiertes Wasser abfließt. Es soll gesund sein, die Arbeiter trinken es gern, der Geschmack erinnert an gute Sprudel. Aus der Röhre des Florentiner Apparates wird behutsam mit einem Löffel die wertvolle Paste herausgekratzt, in ein Glas gefüllt und dieses mit einem Stöpsel luftdicht verschlossen. Ein Kilo Paste ist 25 000 D-Mark wert.

Draußen vor den Kesseln rollen ohne Unterbrechung die Rosenfuhren aus den siebzehn Betrieben des Bezirkes an – die Morgenernte des Tages. Die Bauernwagen müssen schnell fahren, denn die rosigen Blätter in den Flechtkörben halten sich nicht lange frisch. Aus jedem Korb werden 50 Gramm zur Analyse entnommen. Das Schema der Sortierung ist streng. Bald häufen sich neben den frischen Blumenblättern die welken, dort Blütenböden und Kelchblätter, dort Stengel, Steinchen oder Gras. Jedes aussortierte Häufchen wird wieder gewogen und nach seinem prozentualen Gehalt berechnet. Mit diesen Ziffern beginnt dann eine komplizierte Arithmetik, da von jeder fehlerhaften Beimengung nur ein genau festgelegter Satz vorhanden sein darf: Mineralien und Käfer zum Beispiel bis zu 0,5 v. H., welke Blumenblätter 1 v. H., Blütenböden bis 3 v. H., Stengel überhaupt nicht. Nach einer ausgeklügelten Tabelle prozentualer Plus- und Minuspunkte wird schließlich auf der Basis des Kilo-Normalpreises der Lohn für einen Korb gefunden.

Bulgarien hat nach wie vor das Weltmonopol in der Rosenöl-Produktion inne. Während noch im Vorjahre bis 40 v. H. der Ausfuhr in die USA ging, wird wohl in Zukunft die Sowjetunion den größten Anteil übernehmen. Da bei der Herstellung von Kosmetika, Konfekt, Likören, Desinfektionsmitteln und Medikamenten auch weiterhin Rosenöl benötigt werden wird, ist dieser Zweig der bulgarischen Wirtschaft wohl krisenfest. Die Fabriken stehen nach abgeschlossener Rosenernte nicht leer. Es schließt sich bei gleichem Fabrikationsgang die Verarbeitung des Lawendels an, ebenso die des Salbei, der Kamille und des getrockneten Knollenmehls der Iris. Und die kahlgepflückten Rosenfelder? Von ihrer Duft- und Farbenpracht sind die befruchteten Blütenböden geblieben, die im Herbst noch eine reiche Ernte bringen –: Hagebutten.