Die bereits sagenumwobene Geheimkonferenz Präsident Trumans mit führenden Politikern, Militärs und Atomspezialisten auf seiner Privatresidenz Blair House hat jetzt ihre Aufklärung gefunden. Nicht die Sowjetunion war, wie die Washingtoner Presse voreilig aus den Besprechungen folgerte, im Besitz der Atomwaffe, sondern Großbritannien wollte ihn gern erwerben. Nicht der Gegner, sondern der Verbündete machte, daß die Konferenzteilnehmer mit gefurchter Stirn nach Washington zurückfuhren. Premierminister Attlee hatte augenscheinlich mit Unterstützung des kanadischen Ministerpräsidenten St. Laurent und der Einwilligung Churchills Präsident Truman in sehr präziser Form gebeten, Großbritannien eine Reihe von Atombomben und einige Produktionsgeheimnisse zur Verfügung zu stellen. Das bedeutet für Amerika nichts anderes, als daß es selber sein Monopol für die Herstellung und Hortung von Atombomben aufgeben soll. Ein Flügel Washingtons, dem Truman und Acheson angehören, ist dazu offenbar bereit. Andere, unter ihnen Louis A. Johnson, David E. Lilienthal und Eisenhower sind strikt dagegen. Ihrer Meinung nach bietet kein einziger europäischer Vertragspartner die Sicherheit dafür, daß das Geheimnis der Atombombenproduktion gewahrt bleibt, unabhängig von Marshall-Plan, Atlantikpakt oder militärischen Hilfslieferungen. An der Spitze des französischen Atomausschusses, der im Rahmen der Westunion eng mit dem englischen zusammenarbeitet, stehe, so sagen sie, beispielsweise ein eingefleischter Kommunist, Joliot-Curie, und außerdem würden bei einer Überrennung Europas alle Atomgeheimnisse den Sowjets wie eine reife Frucht in den Schoß fallen. Selbst Großbritannien sei eine leicht angreifbare Insel, die – wie sogar der Manchester Guardian schrieb – geradezu zu einer Invasion einlade.

Das sind harte Argumente. Und sie bergen in sich die Klassifizierung aller Mitgliedstaaten des Atlantikpaktes in Amerikaner und Nichtamerikaner. Aber England ist offenbar nicht gewillt, nachzugeben. Es weiß, daß es einen sicheren Trumpf in der Hand hält. Die während des Krieges geschlossenen Abkommen zwischen den USA und den Uranminen des belgischen Kongo, die etwa zwei Drittel der Weltproduktion liefern, jedoch in ihrer Mehrzahl Eigentum britischer Staatsangehöriger sind, laufen demnächst ab. Dann kann Großbritannien über das von Amerika so dringend benötigte Uran selbst verfügen. So ist also London in der Lage, einen nicht unbeträchtlichen Druck auf Washington auzuüben, und dürfte es auch bereits tun. Dem sowieso schon gespannten englisch-amerikanischen Verhältnis allerdings wird das nicht sehr zuträglich sein. Die Beziehungen werden sich weiter verschärfen. Und das in einem Moment, in dem bei einem zweiseitigen westlichen Streit über den lachenden Dritten kaum ein Zweifel bestehen kann. C. J.