"Ein Beispiel –: Ich war damals, nach dem ersten Weltkrieg, noch auf der Berliner Akademie und hatte fast so wenig Geld wie heute. Da lernte ich einen Fischhändler kennen, der die Kunst liebte. Gemeinsam mit einem jungen Töpfer habe ich ihm Kacheln für seinen Laden gemacht. Die Sache hatte Stil und war einträglich für alle Teile. Wir wurden nicht schlecht bezahlt, und die Kunden lobten seinen Laden, weil ihnen die Ausstattung zeigte, daß der Händler sein Geschäft gern hatte und stolz darauf war. – So trostlos heute die Städte fast alle aussehen, es wird doch überall aufgeräumt und aufgebaut. Finden Sie nicht auch, daß eigentlich allenthalben ein guter moderner Geschmack sich zeigt? Seh’ ich, wie die Leute ihre Läden und Geschäfte aus Trümmern wiederaufrichten, dann bin ich hoffnungsvoll. Es tritt dabei mehr Stilgefühl zutage, als ich je erwartet hätte. Danach müßte es nicht unmöglich sein, daß man Künstler heranzieht, die das ihrige dazu tun. Metaré, der berühmte Mataré und Akademieprofessor, hat neulich ein Weinfaß mit Ornamenten versehen. Er tat’s natürlich nicht aus Not –: die beamteten Künstler haben keine Sorgen; sie sind in dieser Hinsicht mehr Beamte als Künstler, und der Lehrauftrag ist das große Los. Nehmen Sie diesen Kurt Lehmann, der unlängst den Preis der Stadt Köln erhielt: Nun sah er Licht vor sich. Außerdem bot Hannover ihm einen Lehrauftrag für Bildhauerei an: jetzt war er über den Berg. Aber jahrelang hat er sich schwer, schwer geplagt, ohne Konzessionen zu machen – ein außerordentlicher Fall. Haben Sie gehört, daß der Nordwestdeutsche Rundfunk – bevor er verbreitete, er müsse nun selber sparen – eine ziemlich stattliche Summe zur Unterstützung der Kunst zur Verfügung gestellt hat? Es wurde darüber debattiert, wie das Geld am besten anzulegen wäre, und es kam zu einem Vorschlag, einigen Bildhauern; ein paar Skulpturen für öffentliche Parks in Auftrag zu geben. Schließlich erhielt das Geld ein Theater, das diesen Zuschuß nolens volens bald verbuttert hatte. Während, hätte man die Summe nach der anderen Idee verwandt, noch in Jahrzehnten die Leute, die in Parks herumspazieren, sich an schönen Dingen hätten erfreuen können." "Verzeihung, es geht nicht an, zwei Kunstgebiete gegeneinander auszuspielen: sie leiden beide Not."

"Das ist richtig. Aber es sollte die Tendenz der Kunstförderung sein, dort die heute so selten gegebenen Mittel einzusetzen, wo es am meisten Erfolg verspricht. Hätten wir heute einen Max Reinhardt, einen Mann, der künstlerische Ideen entfaltet, so könnte man solch einen Theaterbesessenen nicht genug unterstützen. Ich fürchte, wir haben keinen solchen Theatermann. Aber wir haben immerhin in Deutschland eine Anzahl Bildhauer, die etwas taugen und deren Können einen Vergleich mit den Leistungen guter ausländischer Künstler aushält –: soweit sie nicht Professoren und beamtet sind, geht es ihnen schlecht. Ich weiß einen, der vor zwei Jahren noch eine durchaus beachtete eigene Ausstellung wagen konnte –: heute geht er stempeln. Ich weiß einen anderen, der – in der Zeit des Mieterschutzes – aus seinem Atelier herausgeklagt wurde –: er wohnt heute in einem Loch, in dem er unmöglich arbeiten kann. Ich weiß einen anderen, der hoffnungsvoll aus der russischen Zone nach Westdeutschland kam. Drüben hatten sie ihm gesagt, er könne Aufträge bekommen, aber die Kunstrichtung – erklärten sie ihm – wollten sie selbst bestimmen. Er war empört über solche Bevormundung und kroch durch den Eisernen Vorhang ins Land der künstlerischen Freiheit. Wie gut, daß er seine Familie drüben zurückließ; sonst wäre ihm vielleicht die Wohnung verlorengegangen. Hier, im Westen, redete ihm zwar keiner in seine künstlerische Freiheit drein; sie ließen ihn aber so vollständig in Ruhe, daß dieser Zustand noch weniger erträglich für ihn war. Keine Wohnung, kein Atelier. Er kroch endlich durch den Eisernen Vorhang wieder zurück, dorthin, wo man ihm zwar Richtlinien, aber auch Arbeit gab. Dieser Mann hat sowohl im Materiellen als auch im Geistigen das ganze Dilemma erfahren, das heute den Künstler bedroht. Übrigens, vergessen Sie es bitte nicht: ich habe keine Namen genannt; ich bitte Sie, auch meinen Namen nicht zu nennen."

Die bildenden Künstler, soweit sie nicht zu den wenigen Prominenten gehören, deren Werke schon aus spekulativen Gründen Käufer finden ("Ich kaufe jetzt einen Gilles: der ist noch nicht zu teuer, und es heißt, er sei noch in Kommen. Relativ sichere Anlage, wie?") – die bildenden Künstler also sind mit wenigen Ausnahmen so bedrückt, daß sie, wie einer ihrer Wortführer sagte, am liebsten darauf verzichten, "viel Wesens von ihrer Kalamität zu machen". Begründung?

Einer sagte: "Wissen die Käufer von unserer Lage, so glauben sie, es sei ihr Recht, die Preise zu drücken."

Ein anderer sagte: "Ich kann kein Ölbild unter dem Preise von tausend Mark verkaufen, lieber verkaufe ich gar keins. Ich bin in der Mansarde eines Vetters untergekrochen und laufe in diesem gräulichen alten Vorkriegsanzug herum, der mir zu weit geworden ist und Löcher an den Ellenbogen hat. Auf die Frage besorgter Leute erwidere ich nach dem Beispiel eines Größeren: ‚Ich bin so arm, weil ich so teuer bin‘..."

Ein dritter sagte: "Wenn ich einmal einen Kunstinteressenten finde, kann ich darauf wetten, daß er die moderne Kunst nicht mag. ‚Ach‘, sagt er, wenn er sich endlich die Mühe gemacht hat, eins meiner Bilder anzusehen, ‚Sie malen also auch solche modernen Sachen!‘ (Als ob man heute anders als ‚modern‘ malen könnte.) Er geht eiskalt von dannen, und vorher war ich ihm recht sympathisch gewesen. Da haben die ,Kunstgelehrten‘ Hitlers, die Leute von der Art des ,Professors‘ Heinrich Hoffmann, den Geschmack der Kunstinteressenten zwölf Jahre hindurch nach rückwärts ,erzogen‘. Damals mußten wir Maler es büßen, daß Hitler sich einbildete, ein Maler zu sein; die Schattenseiten seines ‚Führertums‘ sind den meisten Leuten allmählich klargeworden; sein Ungeschmack aber ist längst noch nicht offenbar, und wir, die Maler, sind es, die es wieder ausbaden müssen. Und dann die Gegenseite: die Snobs! Neulich war einer da und verlangte ein ‚existentialistisches‘ Bild zu sehen. Als ich nicht wußte, was das war, korrigierte er sich und meinte: ein ,surrealistisches‘ fände sein Interesse. Wir einigten uns schließlich auf ‚etwas Abstraktes‘... Das eine wie das andere Erlebnis hat mir gezeigt, wie groß die Kluft geworden ist."

Es sollten nicht nur in den Metropolen (wo dies heute vielfach in verdienstlicher Weise geschieht), sondern auch in den kleineren Städten immer wieder Ausstellungen moderner Kunst gezeigt werden. Es sollte beachtet werden, daß jede nur konventionelle Bühnenaufführung, jede Vorstellung, die bloß "Kunstbetrieb" bedeutet (mag sie im Augenblick auch vielleicht Erfolg haben), dem Theater insgesamt mehr schadet als nützt. Vor allem aber sollten alle, denen Bildung mehr bedeutet als Spezialwissen und mehr als das Attribut eines bestimmten Berufes, einer Schicht oder Herkunft – sie sollten wissen, daß es zuerst von ihnen erwartet wird, sich gerade in wirtschaftlich gefährdeter Zeit eng mit den Künstlern zu verbünden!