Ein totalitäres Regime pflegt sehr genau zu wissen, was es will. Von den Demokratien kann man leider nicht dasselbe sagen. Ängstlich klammern sie sich an das Bestehende, an die eigene Tradition. Die Demokratie beginnt dogmatisch zu werden, und sie vergißt hierbei, daß man in diesseitigen Dingen nicht zugleich mit einem Dogma und in der Geschichte leben kann. Am meisten aber fürchten viele Demokraten, man könne ihnen vorwerfen, sie handelten auf irgendeinem Gebiete ebenso wie die totalitären Systeme. Außerhalb der Sprache der Gemeinplätze weiß niemand mehr überzeugend zu sagen, worin die Demokratie eigentlich besteht. So soll sie sich denn jedenfalls dadurch auszeichnen, daß in ihr alles anders ist als bei den Totalitären. Schlägt jemand irgendeine Regelung oder Einrichtung vor, wie sie in ähnlicher Form auch in Diktaturen vorkam oder vorkommt, so gilt, es als ein vernichtendes, als ein jegliche Diskussion im Keim erstickendes Argument, zu erwidern: "Aber das gab es ja auch bei Hitler", oder: "So ist es ja bei Stalin." Und das ist in Wahrheit ein sehr törichtes Argument. Es ist nun einmal nicht das gleiche, wenn zwei das gleiche tun. Und bei einer einzelnen Regelung oder Einrichtung kommt es weit weniger auf den äußeren Tatbestand an als vielmehr auf die Motive, aus denen sie stammt, auf die Zwecke, denen sie dient, auf den größeren Zusammenhang, in dem sie verständlich wird. Die schematische Furcht vor jeglicher äußerer Ähnlichkeit mit den Diktaturen ist nur ein Beweis für die innere Unsicherheit der Demokratien. In Wirklichkeit hat das Gute an der Demokratie nur dann eine Chance, zu überleben, wenn die Demokraten mutig genug sind, zu ändern, was sich überlebt hat.

So ist denn auch die Tatsache, daß man unter Hitler nicht streiken durfte und unter Stalin nicht streiken darf, keinerlei Grund, die Frage zu unterlassen, ob und inwieweit der Streik noch in unsere heutige Zeit paßt, ob das überlieferte Streikrecht wirklich noch als ein Recht zu gelten hat. Diese Frage liegt besonders nahe angesichts der Vorgänge, die sich gerade in letzter Zeit in verschiedenen Ländern der westlichen Welt, besonders in England, Kanada und Australien abgespielt haben. Es tut hierbei nichts zur Sache, ob der eine oder der andere Streik soeben beigelegt wurde. Es ist auch nicht entscheidend, daß in jedem einzelnen Falle schlüssig nachgewiesen wird, wie erheblich der kommunistische Einfluß gewesen ist. Das Streikproblem muß gewiß auch unter dem Aspekt des Ost-West-Konflikts, aber keineswegs allein unter diesem Aspekt gesehen werden. Man ist nicht "frei", solange man sich das Gesetz des Denkens und Handelns von Moskau diktieren läßt. Und wir in Deutschland wären sehr kurzsichtig, wenn wir nur deshalb alles beim alten ließen, weil bei uns in letzter Zeit große Streiks nicht vorgekommen sind. Der Anschauungsunterricht, den die demokratischen, und besonders auch die Labour- Staaten, erteilen, sollte uns veranlassen, uns mit diesem Problem auseinanderzusetzen, bevor es zu spät sein könnte.

Der Streik paßt anscheinend sowohl in die liberale wie in die marxistische Gesellschaftstheorie. Wenn das "freie Spiel der Kräfte" überhaupt gilt, so gilt es auch für die Ware Arbeit. Wer diese Ware anzubieten hat, muß berechtigt sein, sein. Angebot vom Markte fernzuhalten, sofern der erzielte Preis ihn nicht befriedigt. In Verbindung mit dem demokratischen Koalitionsrecht, dem Recht auf freien Zusammenschluß von Menschengruppen zu jedem gesetzlich zulässigen Zweck, bedeutet dies, daß die Verkäufer der Ware Arbeit am wirksamsten handeln, wenn sie die Konkurrenz ausschalten, sich also ein Monopol des Angebots am Arbeitsmarkt sichern. Inhaber dieses Monopols, jedenfalls branchenweise, sind dann die Gewerkschaften. Umgekehrt haben die Arbeitgeberverbände ein Monopol als Käufer der Ware Arbeit. Kommt es zwischen beiden Monopolinhabern nicht zu einer gütlichen Einigung, so können entweder die organisierten Arbeitnehmer in den Verkäuferstreik – den eigentlichen Streik – treten, oder aber die organisierten Arbeitgeber "streiken" als Käufer, und das bedeutet dann die Aussperrung der Arbeiter von ihren Arbeitsplätzen.

Innerhalb der marxistischen Theorie ist der Streik ein Mittel des Klassenkampfes, der die Diktatur des Proletariats und letzten Endes die klassenlose Gesellschaft herbeizuführen berufen ist. Hieraus ergibt sich, daß nach der Entscheidung im Klassenkampf, also schon mit dem Siege des Proletariats, der Streik sinnlos wird, da ja das Proletariat nicht gegen sich selbst streiken kann. Erst recht müßte sich der Streik im Stadium der klassenlosen Gesellschaft erübrigen, da es dann den Kampf, dessen Mittel der Streik wäre, überhaupt nicht mehr geben könnte.

Hieraus wird klar, daß der marxistische Streik letzten Endes eine bestimmte Etappe im politischen Kampf ist. Dadurch wird er, auch wenn unmittelbar Lohntarife und sonstige Arbeitsbedingungen zur Debatte stehen, grundsätzlich zum politischen Streik. Das marxistische Recht auf den Streik bedeutet ein revolutionäres Recht auf den Kampf bis zum Sieg. Das liberal-demokratische Streikrecht dagegen gilt grundsätzlich nicht nur für eine bestimmte Etappe, sondern für immer. Es ist gleichsam ein "Grundrecht", und nur insofern politisch, seinem Inhalt nach aber wirtschaftlich, da es für das Gebiet des Arbeitsmarkts, als eines Teils der Wirtschaft, gültig ist.

Nun hat aber die Praxis der letzten Jahrzehnte ergeben, daß sowohl das marxistische wie das liberal-demokratische Ideal an Überzeugungskraft erheblich eingebüßt haben. Man weiß inzwischen, daß der Marxismus in der Praxis nicht zum "Paradies auf Erden", sondern zum Tod aller Freiheit und Menschenwürde, zu einer Diktatur weniger Machthaber über eine machtlose Masse, auch über das Proletariat, führen muß. Der Klassenkampf, als ein notwendiger Weg zum Paradies, hat hierdurch sein eigentliches Fundament verloren. Eine nichtmanistische Begründung seines Sinns liegt bisher nicht vor. Er hängt mitsamt dem sich aus ihm ergebenden politisch-revolutionären Streikrecht gleichsam in der Luft.

Das liberal-demokratische Ideal ist insofern zusammengebrochen, als das laissez faire offensichtlich nicht zum größten Glück der größten Zahl geführt hat, Freiheit allein also nicht die soziale Harmonie garantiert. Dies heißt nichts anderes, als daß die soziale Gerechtigkeit nicht einfach eine Folge der Freiheit, sondern ein selbständiger Wert ist, ein Wert, der überhaupt nur zu Lasten bestimmter bisheriger Freiheiten verwirklicht werden kann. Wer heute noch von der Arbeitskraft als Ware spricht, gilt mit Recht als unsozial. Es hat sich aber ferner gezeigt, daß die liberal-demokratische Theorie überhaupt widerspruchsvoll in sich ist. Das Koalitionsrecht nämlich ist zwar in der Politik demokratisch. In der Wirtschaft aber ist es insofern nicht liberal, als es zu Monopolen von Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden führt. Monopole sind Machtgebilde. Läßt man ihnen die letzten Machtmittel – nämlich Streik und Aussperrung – so wird die Wirtschaft und Wohlfahrt eines Landes dem Machtkampf sich befehdender Gruppen von "Managern" preisgegeben. Die "Manager" – auf Arbeitgeber- wie auf Arbeitnehmerseite – werden dann zu Staaten im Staate. Es ist erstaunlich, daß zum Beispiel die USA, die sonst den Kampf gegen Monopole folgerichtig führten, den Managermonopolen weitgehend freie Hand gelassen haben.