Es war ein Volksschullehrer, der auf die Mitteilung von- der Gleichgültigkeit gegenüber dem Theater, wie sie unser Freund, der Kaufmann, geäußert hatte, folgendermaßen leidenschaftlich reagierte: "Was haben Sie ihm darauf entgegnet, was? Nichts? Ihr Freund ist, wie Sie sagen, Großkaufmann und besitzt sogar heute wieder etwas Geld, Ich neide es ihm nicht. Er ist ein gebildeter Mann? Ich glaube es Ihnen. Aber er hat nicht begriffen, um was es geht. Er lebt in seiner kleinen Welt, mag er sie auch für groß halten. Wie will er von der Welt seines Nächsten, wie will er von den vielen anderen Lebenskreisen und Lebensnöten erfahren, die außerhalb des Bretterzaunes seines persönlichen Daseins existieren, wenn nicht durch das Theater, durch Bücher, durch die Kunst überhaupt? Wie will er innere Verbindung halten zu dem großen Gemeinsamen, das wir geistige Tradition und Kultur nennen und das uns geformt hat und unsere nächsten Generationen formen soll? Er aber geht ins Theater, um sich zu zerstreuen, und liest Kriminalromane, um besser einzuschlafen! Ich weiß, die heutige Beanspruchung der Nerven durch alles Alltägliche ist groß wie nie. Gerade deshalb aber müssen wir uns doch immer wieder mit dem konfrontieren, was über den Alltag hinausgeht —: sonst unterliegen wir dem Alltäglichen. Dem Alltag unterliegen aber heißt: sich aus dem Leben auszuschalten. Warum haben Sie das Ihrem Freund, dem Kaufmann, nicht gesagt? Und die übrigen, von denen Sie sprachen — die Ärzte, Rechtsanwälte; Sie können auch manche Studienräte und Lehrer hinzurechnen . Es wird heute mit Recht so viel von den großen Aufgaben der Intelligenz, der Gebildeten geredet. Sie sind allesamt Spezialisten geworden —: das hat die noch immer größer werdende Komplikation des Daseins mit sich gebrächt. Wer vertritt heute diese Spezialisten, die zugleich Intellektuelle sind, in den Dingen, die einst das Anliegen aller Gebildeten waren? Die Schriftsteller, die Verleger, die Musiker und Maler und Bildhauer, die Dramaturgen und Regisseure, ja auch die Schauspieler! "Herrgott", rief dieser Lehrer aus, "sehen Sie nicht die Gefahr der Situation? Da dröhnen von rechts und links, von Westen und Osten die Propagandatöne über unsere Köpfe hinweg. Und was sagen, was tun wir selber? Wir unterrichten die Jugend, führen Prozesse, plombieren Zähne, Stück sei unverständlich? Er- ging hin und verentfernen Blinddärme, wissen in unserer kleinen stand seinen Shakespeare aufs Wort "Ein Welt recht gut Bescheid, werden als Fachleute Kriminalstück", sagte er. Zeugt das von Unverin aller Welt gelobt, und wir sind gleichzeitig ständnis, wenn Gerhart Hauptmann, derselben drauf und dran, das, was ein Volk ausmacht Ansicht war und sie auch zu begründen wußte? Em Kunstler, der zur Selbsthilfe gegriffen bat. Vor Hamburgs Haupt- Publikum fehlt? bahnhof bat er die "Ausstellung" seiner Bilder selbst in die Hund ge- "Es feMt und bildet und zusammenhält — nämlich seine kulturelle Gemeinsamkeit — aufs Spiel zu setzen. Es trägt sich heute — freilich im anderen Sinne als der zu Bismarcks Zeiten — ein Kulturkampf zu, der ohnegleichen ist. Wir müssen auf dem Gebiete der Kultur Eigenes bewahren, Eigenes schaffen, sonst sind wir auf allen Gebieten unseres Lebens verloren. In diesem Kampf stehen nun einmal die Schriftstellerund Künstler in der vordersten Front; wir anderen, die wir uns zu den Gebildeten rechnen, sind — so gesehen — in die Etappe gerückt. Und was tun wir, diese Front zu stützen? Es gibt zwei Schichten bei uns, denen es wirtschaftlich heute so schlecht geht, daß sie die Desperados von morgen liefern können: die Flüchtlinge und — die freien Schriftsteller und Künstler. Und so behaupte ich, daß die Kwlturkrise — von der sozialen Seite aus gesehen — ebenso gefährlich ist wie das Flüchtfingsproblem, vielleicht noch gefährlicher. Und da gibt es Leute, gebildete Leute, die nicht ins Theater gehen, es sei denn, um sich zu amüsieren, und die bezweifeln, daß gute Bühnen aus Steuergeldern subventioniert werden müßten!" Es war nicht unsere Sache, diesem Lehrer zu widersprechen. Wahr ist, daß die finanziellen Zuschüsse, die aus öffentlichen Mitteln den staatlichen oder städtischen Bühnea zufließen, heute im allgemeinen recht hoch sine 1. Das heißt: Die verantwortlichen Männer der Öffentlichkeit haben erkannt, daß es bei dr Erhaltung des Theaters um mehr geht als um Möglichkeiten des Amüsements. Die "Ruhr Festspiele", die der Kölner Dramaturg und Regisseur Pempelfort leitete, haben darüber hinaus gezeigt, daß es auch heute noch Möglichkeiten gibt, ein neues Publikum dem Theater zu gewinne; die Kumpels im Industriegebiet haben sich bei dieser Gelegenheit — so berichteten die beteiligten Schauspieler — als echte Kunstenthusiasten bewiesen. Und hat nicht unlängst ein Arbeiter, der in Hamburg vor Jahr und Tag den "Hamlet" gesehen hatte — "wegen Quadffieg —, nicht nur von der Güte der Aufführung geradezu geschwärmt, sondern sich auch darüber ereifert, daß ihm sein Lebtag wäre gesagt vorden, das Ein Darsteller sagte: "Es ist gefährfich, daß städtische Bühnen sich auch heute vornehmlich auf ein bürgerliche Publikum stützen wollen, das es kaum noch gibt.

In Italien ist das anders — : Welcher Glanz der Roben, welches Leuchten schöner Pelze, welches Funkeln der Diademe beispielsweise in den Logen der Mailänder Scak. Kaum war der Krieg zu Ende, konnte man dieselben prächtigen Mder sehen wie vordem. Aber Deutschland hat weitaus mehr feste Theater als Italien: Die Reste des Bürgertums reichen nicht aus, die zu füllen. Man wird schon bei der Werbung für das Theater neue Wege gehen müssen.

Gelingt es nicht, das Theater zu einer Angelegenheit csu mächen, 3ie alle angeht, so sehe ich schwarz, was <ien wrw rerum betrifft, das Geld aus öffendichea Mitteln.

Werden die städtischen Abgeowineten auch für das kommende Jahr die Theaterzuschüsse bewilligen, die sie beim letzten Male nur zögernd noch bewilligt haben? Gestatten Sie, daß ich es beizweifle. "Glauben Sie, daß es Theatern nur am an geeigneten Ineendsnallem ten und Regisseuren, die sich über neu zu schaffende Beziehungen zwischen Bühne und Publikum Gedanken machen. Ja, ein Repräsentationstheater, das der Stadt zur Zierde gereicht, das können sie noch in Betrieb halten. Aber gemeinhin fehlt es den Intendanten an Ideen, wie sie die Rampe überbrücken können, die heute — wie niemals sonst — Publikum und Bühne trennt. Das Publikum war nie so müde, so skeptisch, so anspruchsvoll wie heute. Viele Theaterfreunde, die früher angesichts vollendeter oder — mangelnder künstlerischer Leistung sich erregten, sind heute höchstens noch wohlwollend neutral. Ach, es ist alles entsetzlich schwer!" schloß der Schauspieler seufzend. "Dabei wollen wir, die wir Mitglieder der städtischen Bühnen sind, noch nicht klagen. Wenn man dagegen die Kollegen der Privatbühnen sieht Da hat ein angesehenes norddeutsches Privattheater, das einst beneidet wurde, weil es fast regelmäßig lobende Kritiken erhielt, seit Monaten die Gagen nicht mehr voll auszahlen können. Die Darsteller, bis auf ein paar Prominente, die außerdem beim Film oder Funk beschäftigt werden, geraten in Schulden und "laufen", wie einer von ihnen sagte, mit hungrigem Magen an den jetzt wieder prall gefüllten Schaufenstern der Großstadtläden entlang, den Bauch voll abstrakter Wut, von der wir — vorläufig — noch nicht wissen wogegen sie sich richten wird.

Da haben wir sie, die soziale Seite der Kulturkrise! "Die Autoren wollen auch leben", rief der Verleger Ernst Rowohlt aus, als er kürzlich in Hamburg zum Thema "Bücherkrise" sprach.

Alle wollen sie leben, die Schriftsteller, die Darsteller, die freien Musiker. Und leben wollen die bildenden Künstler.

Doch wie verträgt sich dieses Recht auf Leben mit folgender Notiz, die letzthin in den Zeitungen, veröffentlicht wurde? "15 DM und 71 Pfennig beträgt der monatliche Durchschnittserlös für den bildenden Künstler in Westdeutschland.