Wenn man vor einem Kiosk steht und den Leuten zuhört, kann man bisweilen hören: "Dieses Überangebot von Zeitschriften – das gab es kaum in Friedenszeiten!" – Nun, das ist richtig. Dieses reiche bunte Bild ist eine ganz natürliche Folge der Lizenzierungsmethode.

Die Lizenzierung lag ursprünglich in allen vier Zonen sowie in Berlin in Händen der Militärregierungen. Lediglich in der britischen Zone, mit Ausnahme des britischen Sektors von Berlin, haben die Ministerpäsidenten heute nach Anhören eines beratenden Ausschusses das Recht – vorbehaltlich der Zustimmung der Militärregierungen –, Lizenzen zu erteilen; in der US-Zone haben die Lizenzierungen gerade jetzt aufgehört (nur in Württemberg-Baden wat das schon lange der Fall). Durch diese Lizenzierung war aber von vornherein jede Planung ausgeschlossen die britische Militärbehörde zum Beispiel richtete sich bei der Neuzulassung einer Zeitschrift nicht danach, ob im amerikanischen Gebiet eine ähnliche schon zugelassen worden war. Außerdem sagte man sich mit Recht, wenn zehn Anträge auf eine Illustrierte vorliegen, so ist unmöglich im voraus zu sagen, wer später einmal der Beste sein wird; deshalb also gleiches Recht für alle, und so konnte jeder starten.

Wenn sich nun in den Kiosken die Zeitschriften zu Bergen türmen, so ist das wohl ein erwartetes und vorhergesehener Zustand, der, durch die Lizenzierungsmethoden bedingt, nichts anderes bedeutet, als daß alle, die sich berufen fühlen, mit mehr oder weniger Herzklopfen vor die Öffentlichkeit treten und sagen: "Lieber Leser, nun wähle du, wer von uns auf die Dauer existieren soll, denn die Einsichtigen unter uns wissen, daß wir alle keinen Raum haben."

Und doch geben uns die Kioske nur ein unvollständiges Bild: Hinter ihren bunten Farben vollzieht sich, dem Blickfeld der Öffentlichkeit verborgen, der Aufbau der Fachzeitschrift. Während die Militärregierungen zu Beginn ihrer Tätigkeit der politischen Presse den Vorzug gaben, blieb es in der britischen Zone den Ministerpräsidenten und ihren Ausschüssen vorbehalten, der vernachlässigten Fachzeitschrift ihre besondere Pflege zu widmen. Die Aufgaben der Fachpresse sind sehr vielgestaltig. Sie ist das öffentliche Forum, in der alle an dem Fachgebiet interessierten Kreise die sie bewegenden Fragen zur Diskussion stellen können. Unsere Wissenschaftler, Techniker und Männer der Wirtschaft treten in ihr vor die Öffentlichkeit. Aus der Fruchtbarkeit der öffentlichen Diskussion kann der neue Gedanke, die endgültige Form erwachsen. So ist zum Beispiel der unsere Väter bewegende Streit zwischen Gas und Elektrizität im wesentlichen durch die Fachpresse entschieden worden.

Neben vielen anderen Aufgaben der Fachzeitschrift – so ist es gerade in der heutigen Situation ihre Pflicht, Berichte aus anderen Ländern zu bringen mit dem Ziel, unsere zum Teil stehengebliebene Entwicklung dem Stande des Auslandes wieder anzupassen und umgekehrt dem Auslande von unserem Stande Kenntnis zu geben – hat sie auch eine wesentliche Aufgabe des Ausgleichs zwischen Angebot und Nachfrage. Der Inseratenteil der Fachblätter gehört mit zum Inhalt des Blattes. Als erster Bote des wiedererstehenden deutschen Pressewesens wandert die Fachzeitschrift ins Ausland und wird dort aufmerksam gelesen. A. Stommen