Von Jan Molitor

In unseren Untersuchungen über die Hintergründe der gegenwärtigen Kulturkrise haben wir (siehe "Die Zeit" vom 14. und 21. Juli) die Situation des Büchermarktes und des Theaters behandelt. Wir fanden, daß es nicht nur – wie oft behauptet wurde – materielle Ursachen sind, die dieser Krise zugrunde liegen. Die Gründe sind ebensosehr geistiger Natur, Das zeigen auch Gespräche mit bildenden Künstlern. Fast scheint es, als würde heutzutage überhaupt der bisher stets gültige Satz angezweifelt. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein ...

Wozu", so fragte neulich ein Kaufmann in einer norddeutschen Stadt, "müssen staatlich subventionierte Theater überhaupt sein? Sehen Sie nach England, nach Spanien! Sie werden nicht behaupten wollen, daß dies keine Kulturländer seien. Dort ist es üblich, daß neben ein paar Repräsentationstheatern Schauspielertrupps bestehen oder eigens für ein bestimmtes Stück zusammengestellt werden, die dann auf Reisen gehen. Ihre Vorstellungen finanzieren sich selbst. Ich gebe zu: ihr Niveau ist nicht hoch, die Ausstattung billig, das Orchester (wenn sie eins haben) klingt dünn, auf der Bühne gruppieren sich um einen ‚Star‘ oft Schauspieler, die höchst mittelmäßig sind. Aber wer sich fürs Theater interessiert, geht hin und amüsiert sich. Warum müssen in Deutschland, in diesem so verarmten Lande, selbst solche Steuerzahler, die nie auf die Idee kämen, in eine Vorstellung zu gehen, das Geld aufbringen, damit Theater existieren, die dann doch vor leeren Sitzen spielen? Man sollte Wohnungen bauen, Wohlfahrtspflege treiben, man sollte ..."

"Gehen Sie selbst nie ins Theater?" unterbrach ich ihn.

"O doch", kam die Antwort zögernd, "wenn ein amüsantes Stück gespielt wird, bei dem ich lachen kann. Ich für mein Teil will die Problemlachen nicht. Man hat so manches durchgemacht, manche Geschäftssorge schleppt man mit sich herum. Wenn ich ins Theater gehe, will ich Ablenkung, Aufheiterung"

Diesem Kaufmann geht es wirtschaftlich, nachdem er schwierige Zeiten mit Anstand und Ehrlichkeit überwunden hat, recht gut. Er hat weder Nahrungs- noch Wohnungssorgen.

"Lesen Sie viel?"