Woher weiß die Zeitung, daß... Sie bringt Nachrichten aus London und Kottbus, aus Sidney und Buxtehude, aus Pinneberg und Frankfurt, aus München und Moskau. Sie meldet am frühen Morgen, was gestern abend gerade geschehen ist. Sie meldet den 75. Geburtstag des verdienten Stadtrates und die Überschwemmung durch den Yangtse in China. Sie meldet die Überlegungen der Politiker in Bonn, die Aktienkurse aus New York und die Ergebnisse der letzten Ligaspiele. Woher weiß sie dies alles, wer sagt es ihr und – stimmt es überhaupt?

Jede Zeitung, die ernsthaft arbeitet, wünscht theoretisch, daß möglichst viele Leser diesen Fragen einmal nachgingen und – was praktisch leider unmöglich, weil betriebshemmend ist – zusähen, wie die Fäden von den Redaktionsstuben in die Welt gehen und wieder in die kleine Stube zurückkehren, genaugenommen in eine Bude, in die Funkkammer oben unter dem Dach. Dort ticken die Hell- und Fernschreiber, dort laufen die Morseapparate, dort sitzen Männer und Frauen mit Kopfhörern über beiden Ohren und lauschen in den Äther oder auf den durchs Telefon diktierenden "eigenen Korrespondenten".

Zu einer Zeit, als Deutschland noch über genügend Devisen verfügte, hatten die großen Zeitungen einen eigenen Nachrichtendienst und viele eigene Berichterstatter in Deutschland und in fremden Ländern. Heute beginnen die deutschen Zeitungen gerade, wieder ein eigenes Netz zu spinnen. Stets aber stützten sie sich auf Nachrichtenzentralen, einst auf das Wolffsche Telegraphenbüro (WTB) in Deutschland, das spätere DNB, auf Reuter (in London), auf Havas (in Paris) und andere. Die intimste Verbindung bestand und besteht naturgemäß zu der deutschen Nachrichtenagentur; in jeder Zone arbeitet heute eine.

Was immer sich ereignet, wo immer es geschieht – die Nachrichtenagentur erfährt es und durch sie die Zeitung. Ein Kreistag beschließt, daß jeder Bürger des Kreises für die Flüchtlinge eine Dose Geschlachtetes abzugeben habe. Der Korrespondent des Pressedienstes, der anwesend war, telefoniert den Beschluß an das regionale Zweigbüro des Pressedienstes. Dort wird der Bericht über Fernschreiber in die Zentrale gegeben, hier von der Redaktion geprüft, vielleicht ergänzt und über eine eigene Funkstation verbreitet, die die Deutsche Post bedient. Alle Zeitungen haben ein besonderes Gerät, den Hellschreiber, mit dem sie den Funk in klarem Text als geschriebene Buchstaben empfangen. Das geschieht bisher noch auf jenen Streifen, die wir aufgeklebt auf Telegrammen kennen. Inzwischen ist auch der Funkblattschreiber erfunden und es gibt schon Zeitungen, die den gefunkten Text auf Blattseiten empfangen und die Manuskripte so vor sich haben, als wenn sie gerade mit der Schreibmaschine hergestellt wurden.

Die Meldung steht also der Zeitung für die Veröffentlichung zur Verfügung. Sie wird in der Redaktion noch einmal überarbeitet. Vielleicht legt aus eigenen Quellen weiteres Material zum gleichen Thema vor, das man hinzufügen kann oder das eine Änderung bedingt. Das gilt vor allem für Nachrichten aus dem politischen Bereich. Im Parlamentarischen Rat in Bonn oder im Wirtschaftsrat in Frankfurt arbeiten neben nehreren Vertretern der Agenturen, die sofort über den Fernschreiber berichten, auch eigene Korrespondenten der Zeitungen. Sie haben oft persönliche Informationsquellen, Parteifreunde etwa, und ein Gesetzentwurf kommt dem einen vielleicht eher zu Gesicht als den Kollegen. Er wird darüber sofort telefonisch an seine Zeitung berichten. Auf solche Weise kommt in der Redaktion das Material zusammen, das am Ende noch ergänzt und immer von neuem geprüft wird durch Rückfragen bei Amtsstellen oder Fachleuten, überall dort, wo man mehr wissen müßte, Keine nur irgendwie zugängliche Nachrichtenquelle bleibt ungenützt. Nie erfährt der Journalist genug.

Aus dem Ausland berichten die großen ausländischen Agenturen neben den schon vereinzelt tätigen deutschen Korrespondenten. Auch die fremden Agenturen funken und haben daneben ein Netz von Fernschreibleitungen, das die Grenzen aller europäischen Länder überschneidet und nach Amerika und Asien führt. Zwischen den großen Nachrichtenagenturen bestehen vielfach Austauschverträge. Die ersten freien Verträge wurden für Deutschland 1947 mit Reuter und mit der Agence France Presse abgeschlossen. Weitere folgten. Nach Dänemark und Schweden, nach Portugal und Südamerika, nach Holland und Italien führen diese nunmehr festen Verbindungen, die das so viele Jahre isolierte Deutschland wieder in die Welt einbeschlossen haben.

Aus Sidney etwa meldet ein englischer Korrespondent seiner Agentur in London ein wichtiges Ereignis. In Sekunden ist die Nachricht dort und Minuten später in Hamburg. Hier wird sie als Manuskript aufgenommen, und ein deutscher Redakteur übersetzt sie und schreibt sie in deutschem Stil um. Er erfährt vielleicht aus französischer oder amerikanischer Quelle weitere Neuigkeiten zu dieser Sache. Er fügt sie hinzu oder streicht in der ersten Meldung unklare, nicht bestätigte Angaben. Er sucht die Wahrheit, den wahren Sachverhalt, so gut wie irgend möglich zu erfahren. Denn er möchte und muß echte "Ware" liefern, keine verfälschte, weil seine Kunden, die Zeitungen, ihn sonst nicht mehr schätzen und seine Lieferung ablehnen.

Wenn in unserem Lande das Schweigen der Nacht die Hast und Unrast des Tuns für einige Stunden hemmt, ist in anderen Ländern dieser Erde das pulsierende Leben besonders bewegt. Wenn der nachrichtenhungrige Leser den Schlaf des Gerechten genießt, sind der Reporter, der Redakteur, der Funker, der Setzer und der Drucker an der Arbeit, ihm die letzte Neuigkeit heranzuholen und alle Einzelheiten der Geschehnisse in der Welt zu erkunden. Überall hat die Zeitung das Ohr und zu jeder Stunde lauscht sie selbst und mit den tausend Ohren der Pressedienste in die Welt, deren buntes Spiegelbild sie in ihren Berichten und Nachrichten schließlich dem Leser überreicht, heute und morgen wieder und so an allen Tagen, morgens, mittags und abends. Denn diese Welt ist voller Leben und wir stehen mitten darin und wollen teilnehmen und soviel davon kennenlernen, wie es nur möglich ist.