In den Diskussionen, die über die zukünftige Teilnahme Deutschlands am internationalen Leben geführt werden, scheint man es als selbstverständlich vorauszusetzen, daß wir jedwedes Angebot als Ehre empfinden, jeder Aufforderung dankbar und ergeben Folge leisten werden. Vielleicht könnte dies ein Mißverständnis sein.

Es fällt offensichtlich den alliierten Mächten nicht leicht, sich darauf umzustellen, daß Westdeutschland mit den bevorstehenden Wahlen wieder weitgehend über seine eigene Entwicklung entscheiden wird, ja, diese Tatsache löst bei den westlichen Politikern eine spürbare Nervosität aus. War die Politik der bedingungslosen Kapitulation, der Kollektivprozesse, der Demontagen richtig? Ist sie es heute? Ist es bereits gelungen, den Sieg über Hitler in eine Sicherheit vor zukünftiger deutscher Aggression zu verwandeln, oder sind durch die Besatzungsmaßnahmen Ressentiments bei den Deutschen entstanden, die – wie Versailles – den Keim künftiger Gefahren in sich tragen? Kann man nicht vor Toresschluß noch schnell hie und da ein fait accompli schaffen, das die Kriegsbeute ein wenig vergrößert oder den Ausgangspunkt für kommende paritätische Verhandlungen etwas günstiger gestaltet? So lange man es vermeidet, uns über diese Dinge zu befragen und zu Rate zu ziehen, nützen Proteste nur wenig. Aber besteht nicht die Möglichkeit, daß wir aus dem Widerstreit der Meinungen unserer Nachbarn Rückschlüsse ziehen könnten, die später unser Handeln ihnen gegenüber bestimmen werden?

Aus solchen Gedankengängen heraus sind wir Churchill dankbar für die Worte, die er in der Debatte des Unterhauses über die Zukunft Deutschlands gefunden hat. Es war zwar erschütternd, dem Wortwechsel zwischen ihm und Bevin zu entnehmen, daß die schicksalhafte Förderung nach "bedingungsloser Kapitulation" fast zufällig von Roosevelt 1943 in Casablanca ausgesprochen wurde, daß Churchill völlig davon überrascht war, daß ferner das amerikanische State Department – wie Cordell Hall in seinen Memoiren schreibt – diesen Begriff noch nicht erwogen hatte, und Bevin erst aus den Zeitungen von ihm erfuhr; – während auf der anderen Seite im Osten Deutschlands unter dem Schutze dieser unseligen Eingebung des amerikanischen Präsidenten Millionen von deutschen Männern und Frauen brutal mißhandelt, vergewaltigt und verschleppt worden sind. Aber manchmal wohnt solchen zufälligen Formulierungen eine ungewöhnliche Leuchtkraft inne: Churchills ebenso spontaner Ausspruch im Unterhaus, Bevins Deutschlandpolitik von 1949 sei ein "bad touch", ein schlechter Griff, ein Mißgriff, charakterisiert wie ein Blitzlicht den grundlegenden Fehler in der Behandlung eines besiegten Volkes. Bevin selbst will das allerdings nicht wahrhaben. Er gibt seinem Mißtrauen gegenüber Deutschland weiterhin offen Ausdruck, hält Demontagen, Reparationslieferungen an Rußland und Generalsprozesse auch heute noch für fair und angebracht und jede Abweichung von dieser Linie für "feuchte Sentimentalität".

Wir finden diesen bad touch in der Wahl der Umgangsformen mit Deutschland nicht nur in der offiziellen englischen Politik. Wie etwa stellt sich der holländische Außenminister Stikker das deutsch-holländische Verhältnis in der Zukunft vor? Einerseits verkündet er in einer Denkschrift an das holländische Parlament politische und wirtschaftliche Friedenswünsche gegenüber Deutschland, andererseits hat er in den letzten Tagen neuerlich "Grenzberichtigungen" vornehmen lassen und seinen festen Entschluß kundgetan, "berechtigte" Forderungen auf deutsche Gebiete an der Emsmündung und am Dollart aufrechtzuerhalten. Diese kleinliche Außenpolitik vergiftet die Atmosphäre, wie der Vorsitzende der Grenzlandkommission von Nordrhein-Westfalen, Dr. Schwering, ganz richtig sagt. Und nebenbei: können wir eigentlich Gemüse und Obst nicht in beliebigen Mengen auch auf anderen Märkten kaufen?

Aus Frankreich haben wir in letzter Zeit vieles gehört, was unserem aufrichtigen und entschlossenen Wunsch entgegenkommt, die greifbaren Möglichkeiten einer deutsch-französischen Verständigung zu verwirklichen. Soll die Lösung dieses historischen Problems dieses Mal am Saargebiet scheitern? Wird wirklich auch die sonst so geschickte Hand M. Schumans einen Mißgriff tun? Fast scheint es so. Die von ihm vertretene Entsendung einer selbständigen Delegation des Saargebietes zum Europarat nach Straßburg soll die endgültige Lösung des Saargebietes aus dem deutschen Bundesstaat international dokumentieren. Ein fait accompli, fünf Minuten vor zwölf, damit können wir uns bei allem guten Willen zur Wiedergutmachung und zu europäischem Denken nicht abfinden. Wundert man sich, daß deutsche Parlamentarier, aller Parteien dagegen protestieren?

Man muß sich in Westeuropa daran gewöhnen, daß man Deutschland in Zukunft zu gewissen Dingen nicht einfach kommandieren kann. Die Zeit der Diktate und der leichtfertigen Ausnutzung unserer Handlungsunfähigkeit muß endgültig vorüber sein. Es ist ungesund für die europäische Entwicklung, in Deutschland lediglich ein Objekt für politische oder wirtschaftliche Spekulationen zu sehen. Wenn Bevin Deutschland nur mit größter Vorsicht zum Europarat zulassen, andererseits aber das deutsch-französische Verhältnis in Straßburg in Abwesenheit Deutschlands sanieren will, dann ist das unwirklich und überholt. Man kann Deutschland auf Grund des Besatzungsstatuts zwingen, gewisse Dinge zu tun und andere zu lassen. Aber Dr. Schumacher hat recht, wenn er sagt, daß wir ganz allein werden entscheiden müssen, ob die Einstellung der Beteiligten es uns ratsam erscheinen läßt, Einladungen zu politischen Pakten, Handelsverträgen oder internationalen Organisationen anzunehmen oder nicht. C. D.