Von Walter Hagemann, Münster

Die Zeitung, dieser ständige Lebensbegleiter des modernen Menschen, ist das Produkt eines höchst verwickelten geistig-technischen Prozesses und mit der Sozial- und Wirtschaftsstruktur des Volkes untrennbar verknüpft. Über eine halbe Million Tonnen Rotationspapier wurden im Jahresdurchschnitt der vergangene! zwei Jahrzehnte für die Herstellung von Zeitungen verbraucht; das entspricht einer Jahresmenge von eineinhalb Millionen Raummeter Fichtenholz, von denen ein erheblicher Teil aus dem Ausland eingeführt wurde. Die Papierkosten stellten bei den auflagestarken Zeitungen den weitaus größten Unkostenfaktor dar, der sich bei Preissteigerungen katastrophal auswirken konnte. Heute liegt die Herstellung von Druckpapier in allen Zonen weit unter diesen Ziffern, denn die Rohstoffe sind knapp, die Papierfabriken arbeiten nur beschränkt, und die Einfuhr ist kontingentiert. Dafür sind die Papierpreise um etwa das Doppelte gegenüber der Vorkriegszeit gestiegen.

Zur technischen Herstellung der modernen Zeitung benötigt man komplizierte Maschinen. Die wichtigste ist die Rotationsmaschine, die je nach ihrer Größe Zeitungen im Umfang von 16, 32, ja 64 und 96 Seiten in einem Arbeitsgang drucken kann und pro Stunde bis zu 250 000 Bogen herzustellen vermag. Der Preis einer solchen hochgezüchteten technischen Anlage schwankte früher zwischen 150 000 und eineinhalb Millionen Mark, die heutigen Anschaffungskosten liegen bedeutend höher. Daneben braucht jede moderne Zeitungsdruckerei zahlreiche Setzmaschine! und Schnellpressen; auch die Stereotypie, die Herstellung der Druckplatten, erfordert einen kostspieligen maschinellen Apparat. Die hohen Maschinen- und Kapitalansprüche erschweren die Neueinrichtung einer modernen Zeitungsdruckerei in der heutigen Zeit sehr. Die meisten neu lizenzierten deutschen Zeitungen der Westzonei und Westberlins müssen daher im Lohndruck in fremden Druckereien hergestellt werden, ein ebenso kostspieliges wie organisatorisch schwieriges Verfahren, das eine weitere Verteuerung der Herstellung bedeutet.

Bei einer Verkaufsauflage von 25 Millionen Exemplaren und einem durchschnittlichen Abonnementspreis von zwei DM monatlich gibt das deutsche Volk heute für seine Zeitungslektüre jährlich rund 600 Millionen DM aus, eine Summe, die nicht weit hinter der Vorkriegszeit zurückbleibt. Doch erhielt der Leser früher für einen nur wenig höheren Abonnements-Preis eine 25- bis 30mal im Monat erscheinende Tageszeitung im durchschnittlichen Umfang von zwölf Seiten, also etwa das Sieben- bis Achtfache an bedrucktem Papier. Dabei muß aber auch berücksichtigt werden, daß die Zeitungen damals bis zu zwei Drittel ihres Umfanges ihre Spalten mit Anzeigen füllen konnten, also in hohem Maße außer vom Abonnenten vom Anzeigenkunden bezahlt wurden, während heute dieses Verhältnis noch nicht wieder erreicht werden konnte, selbst wenn Papier genug für die Umfangserweiterung in solchen Stärken vorhanden wäre. Doch ist bei wachsender wirtschaftlicher Konkurrenz auch damit Zu rechnen, daß der Wille zum Inserieren größer wird. Vor 1933 investierte die Wirtschaft über eine Milliarde Reichsmark in der Zeitungswerbung.

Heute gibt es in Deutschland etwa 6000 Redakteure, zu denen noch Hunderte von Hilfskräften und Volontären und viele Tausende von ständigen Mitarbeitern zu rechnen sind, die ganz oder teilweise von der Zeitungsarbeit leben. Auch das kaufmännische Personal, das in Verlag, Anzeigenleitung und Vertrieb tätig ist, muß auf mindestens 6000 berechnet werden. Die Zahl der für die technische Herstellung beschäftigten Fach- und Hilfskräfte der Druckereien ist nur schwer zu schätzen, da "echte" Zeitungsbetriebe stets Ausnahmen darstellten. Heute, wo Verlag und Druckerei meist getrennte Unternehmungen bilden, sind annähernde Angaben völlig unmöglich geworden. Ein Heer von Hilfskräften ist haupt- oder nebenamtlich mit dem Vertrieb der Zeitung beschäftigt. Wenn man als Durchschnittsleistung eines Zeitungsboten 200 Nummern täglich berechnet und den Kioskverkauf und das nichttägliche Erscheinen in Rechnung stellt, so gelangt man immerhin zu einer Zahl von 100 000 Zeitungsboten, die in den vier Zonen die Druckexemplare an die Abonnenten liefern und daraus ihren Verdienst erzielen.

So hat die Zeitung als Erwerbsunternehmen und Werbeträger auch heute wieder eine sehr beachtliche volkswirtschaftliche und soziale Bedeutung. Selbstverständlich darf diese Erkenntnis die Tatsache nicht verdunkeln, daß die Zeitung in erster Linie nicht dem Erwerb, sondern einer publizistischen Aufgabe dient und daß ihr Wert und ihre Geltung allein mit ihrer publizistischen Leistung und Wirkung stehen und fallen.