Von Georg Anschütz

Der Leiter der "Freien Forschungsgesellschaft für Psychologie und Grenzgebiete des Wissens", Professor Georg Anschütz, der den vorliegenden Fall auch ärztlich behandelt, berichtet hier über die Ergebnisse seiner Beobachtungen.

Wie oft ist in allen Ländern seit mehr als zwei Jahrzehnten der Fall der Therese Neumann erörtert worden! Ärzte, Philosophen, Psychologen und vor allem Theologen bemühten sich um dieses "Wunder", dessen Sinn man zu ergründen suchte und bis heute noch nicht übereinstimmend zu deuten vermochte. Bald machte man die Macht der Vorstellung, bald Hysterie, bald religiöse Ideen geltend. Man stritt sich um die Wirklichkeit der Behauptung, daß die Stigmatisierte seit langen Jahren keine Nahrung zu sich nimmt, man suchte die nachgewiesene Tatsache mannigfach zu erklären, daß sie im Zustande der Entrückung Aramäisch sprach. Niemand ahnte, daß sich seit langen Jahren unter uns ein Mann befand, der ganz ähnliche Erscheinungen zeigt, schwer unter ihnen leidet und sie peinlichst vor jedem Bekanntwerden hütete.

Nachdem auch dieser "Fall" der Öffentlichkeit bekannt wurde, wird vor allem die Frage gestellt: Wie war es möglich, das alles ganze vierzehn Jahre geheimzuhalten? Der Kaufmann M. ging fast regelmäßig seinem Berufe nach. Nicht nur seine Familie, auch seine Berufsgenossen wußten von der Tatsache. Was noch weit mehr verwundert, ist der Umstand, daß sich in dieser langen Spanne zahlreiche Ärzte um die "Krankheit" bemühten. Mit Salben und Tinkturen wurden die Wundmale behandelt. Ohne Erfolg. Spritzen wurden gegeben, neurologische Betreuung setzte ein. Einem Zufall oder aber günstiger Konstellation blieb es vorbehalten, endlich die Aufmerksamkeit der Wissenschaft auf dieses zweite "Konnersreuth" zu lenken. Soll man das alles nicht auch als ein "Wunder" bezeichnen? Zum mindesten stehen wir hier vor einer psychologisch höchst interessanten Tatsache. Vielleicht aber liegt im Grunde nichts anderes vor als die allgemeine Erfahrung, daß man oft auf das Nächstliegende erst dann aufmerksam wird, wenn uns jemand darauf hinweist. Wir denken an den Mann, der einen Gegenstand sucht und ihn dabei selbst in der Hand hält.

M. hatte schon 1928 einen Kraftwagenunfall, in dessen Gefolge nervöse Störungen eigener Art auftraten, die seinen Aufenthalt in einer Klinik erforderlich machten. Er erzählt, wie der sehr bekannte Leiter dieser Station seine Visiten machte, ein paar Fragen stellte und dann zum nächsten weiterging. Aus unbekanntem Anlaß bildeten sich dann seit etwa 1935 die Wundmale der Dornenkrone, die zunächst nicht als solche erkannt wurden. Im Laufe der Jahre nahm offenbar die Erscheinung an Deutlichkeit zu. Etwa alle vier bis sechs Wochen trat sie auf; zwischendurch nur an hohen Feiertagen oder bei besonderer Aufregung. Die Wundmale an den Händen, den Füßen und an der linken Seite vervollständigten allmählich das Bild eines offenbar Stigmatisierten. Nach einem Fliegerangriff 1943, bei dem M. während der Arbeit aus dem Zimmer und die Treppe hinuntergeschleudert wurde, gesellte sich zu den schon üblichen Malen ein deutliches Kreuz mitten auf der Stirn. Die blutenden Wunden verschwanden regelmäßig erst nach vier bis fünf Tagen.

Die Wissenschaft hat natürlich das größte Interesse zunächst an einer möglichst getreuen Feststellung der ganzen Vorgeschichte, die im wesentlichen aus den eigenen Angaben M.s, denen seiner Familie und Arbeitskollegen sowie der früher behandelnden Ärzte ermittelt werden muß. Allein das erfordert schon eine umfangreiche protokollarische Arbeit. Da es sich ganz offenbar um Erscheinungen handelt, bei denen körperliche und seelische Momente ineinandergreifen, so gewinnen auch die persönlichen psychischen Erlebnisse M.s gerade während der Stigmatisation erhöhte Bedeutung. Dem Aufbrechen der Wundmale geht nicht nur ein Druck an der rechten und linken Kopfseite voraus, sondern auch das Gefühl des Krankseins und einer seelischen Depression. Beides bessert sich nach dem Eintritt der Blutung erheblich. Besonders beachtlich sind gewisse Veränderungen der Sinnesfunktionen, die M. schon von sich aus anzugeben vermag. Nicht immer, aber bisweilen erscheint ihm vorher als optische Vision in unendlich weiter Ferne eine Gestalt, die als "Heiland" gedeutet wird. Sie kommt immer näher, wird größer und größer, ein Buch in der Hand haltend, tröstet durch Mienen und entfernt sich dann wieder bis ins Unendliche. Damit und gleichzeitig mit dem Aufbrechen der Wundmale tritt Erleichterung ein.

Psychologie wie Neurologie und Psychiatrie müssen sich hüten, diese auffälligen Parallelphänomene voreilig auf irgendeine bekannte Formel zu bringen und etwa nur von Eidetik, von Zwangsvorstellung, Hysterie oder ähnlichem zu sprechen. Wir haben in neuester Zeit eine Fülle von Erscheinungen entdeckt und teilweise auch erforscht, die ebenso für die genannten Disziplinen wie auch für die Physiologie und Funktionslehre des Zentralnervensystems von größtem Interesse sind. Das ist das früher nur als Sondergebiet, heute aber als für alles Seelische wesentlich erkannte Kapitel der Synästhesien, der meist automatischen, unterbewußten und zwangsläufigen Verbindungen der einzelnen Sinnesgebiete untereinander. Auch die naturgewachsenen Zusammenhänge zwischen Gedanken, Gefühlen und Vorstellungen einerseits, sinnenhaften, insbesondere optischen Erlebnissen andererseits kommen hier in Frage. Vor allem aber darf man jene rein funktionale Übertragung einer Sphäre in eine andere nicht als Abnormität schlechthin auffassen. Im Traum oder Halbschlaf, in der Hypnose, im Fieber oder Rausch wie in der Narkose kommen ähnliche Phänomene bei jedem Menschen vor, von geistigen Erkrankungen ganz zu schweigen. Es bedarf nur der geschickten Hand des Forschers, um die merkwürdigsten Gebilde aus dieser "Tiefsee der Seele" heraufzuholen. Dabei ist es einseitig, nur von verschütteten Regionen und verdrängten Komplexen aus früheren Erlebnissen zu sprechen. Wir dürfen nicht nur rückwärts blicken, sondern müssen die Möglichkeit ins Auge fassen, daß auch gleichzeitig in der Latenz schon Vorhandenes oder aber erst Kommendes und keimhaft in uns Schlummerndes überraschend ins Licht des klaren Bewußtseins tritt.