Ist Großbritanniens Stellung im Nahen Osten wirklich gefährdet? Auf den ersten Blick könnte es so scheinen, als ob diese vor allem in amerikanischen und arabischen Zeitungen viel diskutierte Behauptung zutreffe. In den arabischen Staaten selbst wird die Spaltung in zwei Blocks immer deutlicher, deren einer die wegen ihrer Englandfreundschaft bekannten haschemitischen Staaten Irak und Jordanien, der andere Syrien, Libanon, Ägypten und Saudi-Arabien umfaßt. Die treibende Kraft in der zweiten Gruppe ist Syriens Staatspräsident Husni Zaim. Er hat es verstanden, die anfänglichen Spannungen mit dem Nachbarstaat Libanon zu, beseitigen, die aus der Besorgnis der christlichen Mehrheit der Libanesen vor dem Versinken im moslimischen Meer eines Großsyrien entstanden waren. Ein weitgehendes Wirtschaftsabkommen befestigte darüber hinaus die Zoll- und Wirtschaftseinheit zwischen den beiden Nachbarn.

In der zweiten Juliwoche besuchte der neue syrische Premierminister Mochsen el Barhazi König Faruk in Alexandrien und überbrachte ihm einen persönlichen Brief Husni Zaims, In einer Pressekonferenz pries der syrische Staatsmann die syrische-ägyptische Freundschaft, bezeichnete Ägypten als "die große Schwester Syriens, der die natürliche Führerrolle in der arabischen Welt zufalle" und wich mit einem Lächeln der Frage nach einem ägyptisch-syrisch-saudischen Bündnis aus; ein sicheres Zeichen dafür, daß ein solches wenigstens ein Verhandlungsthema der arabischen Diplomaten ist. Ein solches Bündnis könnte sich praktisch neben Israel nur gegen die haschemitischen Staaten richten – und also gegen deren Protektor England.

Vielleicht noch größere Sorgen als die Entwicklung in den arabischen Ländern selbst aber macht dem Foreign Office die sehr aktive und mit der seinigen kollidierende Nahostpolitik gewisser Großmächte. Daß die Sowjetunion in der letzten Zeit einige beachtliche Positionen errungen hat, ist schon sehr unerfreulich. Die ganze Wendigkeit der sowjetischen Orientpolitik zeigte sich, als trotz der erklärten Kommunistenfeindschaft Husni Zaims die UdSSR als erste Großmacht sein Regime anerkannte und als der Sowjetgesandte Solod ihm als erster Diplomat zu seiner Wahl zum Staatspräsidenten gratulierte. Aber immerhin: Schachzügen von dieser Seite könnte England leicht begegnen, wenn ihm nicht auch andere Mächte Schwierigkeiten bereiten würden.

Seine größte Sorge ist hier Amerika, mit dem eine Abstimmung über die Nahostpolitik um so schwieriger ist, als die rein politischen Interessen der USA hier durch die zwiespältige Haltung gegenüber Israel und durch die mächtigen Erdöl- und Handelsinteressen vielfältig überdeckt und durchkreuzt werden. Der Kampf um die Absatzmärkte für Erdöl hat sich in letzter Zeit besonders zugespitzt, seitdem immer mehr europäische und auch südamerikanische Länder aus Devisengründen das englische Öl der Anglo-Iranian dem amerikanischen der Aramco vorziehen. Nur eine weitere Verbilligung des amerikanischen Öls durch Umgehung des teueren Transportweges durch den Suezkanal mit Hilfe einer Pipeline zum Mittelmeer könnte das US-Öl wieder wettbewerbsfähig machen, einer Pipeline, die durch Jordanien gehen müßte....

Die amerikanische Exportindustrie breitet sich auf den arabischen Märkten zum Schaden der britischen immer stärker aus, und der Truman-Plan zur Bewässerung der Ebenen zwischen Euphrat und Tigris und für starke amerikanische Investierungen in den "unterentwickelten Gebieten" wird in London nur sehr bedingt begrüßt. Ob die Behauptung des ägyptischen Außenministers Kaschaba Pascha richtig ist, daß die amerikanische Regierung die Zurückziehung aller auf arabischem Gebiet stationierten Truppen gefordert habe, läßt sich noch nicht nachprüfen, ist aber immerhin bezeichnend für die Art, in der man das Verhältnis zwischen den USA und Großbritannien im Nahen Osten betrachtet. –

Auch Frankreichs Nahostpolitik stimmt nicht in allen Punkten mit der britischen überein: die Divergenzen in der Frage der italienischen Kolonien sind bekannt, weniger jedoch die starken Sympathien des Quai d’Orsay für Husri Zaim. Durch ein Finanzabkommen hat Syrien jetzt eine Milliarde Francs erhalten, und Gerüchte über französische Waffenlieferungen sind bisher nicht dementiert worden. Hält man zu all diesen Schwierigkeiten noch die Tatsache, daß die englandfreundliche Politik der Herrscherhäuser in Irak und Jodanien keineswegs populär ist, läßt sich das Wort von der Gefährdung der britischen Nahoststellung wohl verstehen. Und doch trifft es nicht den Kern der Sache.

Einmal ist die strategische Stellung Englands in den letzten Monaten durch die im Unabhängigkeitsvertrag der Cyrenaika gesicherten Basen eher stärker als schwächer geworden, vor allem Ägypten gegenüber. Ein Bündnis zwischen Iran und Irak, das bei dem Besuch des irakischen Regenten Abdulilah in Teheran abgeschlossen wurde, kann mit Unterstützung der "Arabischen Legion" Jordaniens jede mögliche Gefährdung durch einen syrisch-ägyptisch-saudischen Bloch ausschließen. Besprechungen zwischen dem Nahostdirektor des Quai d’Orsay und dem Unterstaatssekretär im Foreign Office, Wright, haber manche Spannung mildern können, und auch mit Washington ist eine Verständigung in die Wege geleitet.