ESartres "Huis clos" im Studio 4S gibt noch ausverkaufte Theater. Sogar für — die neue Spielzeit im September sind die Plätze der beiden ersten Aufführungen schon vergriffen. Und es ist keine Gründgens Aufführung! Was ist geschehen? Man spielte im Studio die "Geschlossene Gesellschaft". Daß man vor zwei Jahren in Düsseldorf die "Fliegen" aufführte, fanden auch die Kölner interessant; viele fuhren herüber und waren enttäuscht, als Gründgens mit Tschechows "Möwe" hier gastierte. Als aber Friedrich Siems "Bei verschlossenen Türen" inszenierte, hat sich ein Sturm der Entrüstung erhoben, sind die Geister pro und contra erregt worden, wie seit Wiedereröffnung der Theater nicht mehr. Man findet das Stück "ob seiner obszönen und pansexualistischen Verkleidungen abstoßend "and die lüsterne Menge mit mißverstandenen Enthüllungen anlockend". Bei Sartre "gibt es keine Erlösung. Die Lage ist hoffnungslos Außerdem ist man entrüstet, daß in Köln das Stück nes Autors aufgeführt wird, dessen Werke auf dem Index stehen (Daß Sartre wegen seiner philosophischen Schriften auf den Indes kam und nicht wegen der Schauspiele, weiß man anscheinend nicht ) Wie dem auch sei — es Ist den Entrüsteten die Frage zu, stellen, warum gerade Großstädter, denen das Leben in den Ruinen, die Wohnungsnot der Flüchtlinge und das Elend Ausgebombter bekannt sein sollten, die Vorführung einer Hölle ablehnen, deren Quintessenz das qualvolle, ewige, ununterbrochene Zusammensein dreier Menschen ist — einer Lesbierin, einer Kindesmörderm und eines wegen Feigheit erschossenen Journalisten —, die sich hassen und zu immerwährendem Hassen verurteilt sind. Es ist weiterhin zu fragen, warum unser wieder mal sattes Bürgertum, das den Krieg allzu gern und allzu schnell vergessen hat, sich sträubt, die augenblickliche geistige Situation und die Entwicklung dazti zu erkennen. Denn darüber besteht doch wohl kein Zweifel, daß man, wenn überhaupt, dann ur höchst ungern die Vermassung, die moralisch Nlveffieremg, den kulturellen Abstieg zugibt.

Ich bin weit entfernt davon, den Philosophen Sartre auch nur im geringsten als Wegweiser aus diesem Dilemma zu werten, aber als der Mann, der ans die Maske herunterreißt, muß er anerkannt werden. Blitzlichthaft, mit einem uns. Das allerdings ist unbehaglich und oft sehr unbequem.

So ist das Stück erschreckend, erschütternd und wird auch so gespielt, übrigens hervorragend gespielt, was allgemein anerkannt wurde. Und auch ausgezeichnet inszeniert. Aber hoffnungslos? Leben wir schon in der Hölle und ohne Hoffnung? Vielleicht manche. Vielleicht leben in solchen Höllen sogar mehr Unglückliche, als yiele moralisch entrüstete Theaterbesucher glaußen, Man vergesse ob der Schockierung nicht des Elends, dem es abzuhelfen gilt, an das man sich erinnern soll "Entweder wir gehen gemeinsam zugrunde, oder wir reißen uns gemeinsam heraus", heißt es in dem Stück. Es scheint, daß viele für eine Gemeinsamkeit zu Ich bezogen sind. Und obszön? Nun, man ist in der Hölle, und dafür noch sehr zurückhaltend. Ob der splitternackten Mädchen auf Memlings D anziger Marienkirchenaltar hat sich vielleicht damals auch jemand aufgeregt. Man sehe sich heute nur die Bilder der Kioske an, vor denen die Kinder stehen — Doch ich werde das Gefühl nicht los, daß Leute mit schlechtem Gewissen die Wahrheit nicht sehen wollen. Und das scheint — hoffnungslos.

"Die Abneigung des 19, Jahrhunderts gegen Realismus ist die Wut Calibaus, der sein Gesicht im Spiegel sieht", sagt Oscar Wilde— Und der Ärger des 20, Jahrhunderts?