Von Walther Kiaulehn

Vor fünfundzwanzig Jahren saß ich als Redakteur in einer Tageszeitung, in der ich auch das Feuilleton mitzubesorgen hatte. Da empfing ich zum erstenmal jenen elektrischen Schlag, dem das kurze, beseligende Gefühl folgt, das allein dem Feuilletonredakteur das Leben lebenswert macht: Ich fand im Schutt der Manuskriptberge das erste echte Feuilleton. Es hieß "Was macht eigentlich Alfred Kerr?" und war von René Schickele. Oh, du strahlender, trauervoller Tag, strahlend, weil ich meinen Lesern endlich etwas bieten konnte, trauervoll, weil ich nach beendetem Umbruch noch ärmer war als zuvor; wann wird mir das Glück wieder einmal ein echtes Feuilleton ins Haus wehen?

Das echte Feuilleton ist so selten wie das echte Gedicht. Wie das richtige lyrische Gedicht ist auch das echte Feuilleton unverwechselbar. Es ist der unnachahmliche Ausdruck einer ganz bestimmten Persönlichkeit. Der Unterschied ist nur, daß es kein Gedicht ist, sondern eben ein Feuilleton.

Goethe sagt von seinen Schöpfungen, sie seien Gelegenheitsgedichte. Genau das sind auch Feuilletons. Während aber das echte lyrische Gedicht die Gelegenheit nur als eine Startbahn benutzt, bleibt das Feuilleton mit der Gelegenheit verbunden. Die echte Novelle enthält eben eine Neuigkeit und das echte Feuilleton eine Nachricht. Ein Feuilleton ohne Nachricht ist im besten Fall ein Prosagedicht; gewiß, das kann mehr sein als ein Feuilleton, für die Zeitung jedoch ist es weniger. Die dem echten Feuilleton innewohnende Nachricht tötet es weist nach kurzer Zeit, die Nachricht sinkt in den Strom der Zeit zurück und reißt das Feuilleton mit sich. Vor fünfundzwanzig Jahren war es herzbewegend, was René Schickele am Wohlbefinden Alfred Kern interessierte, heute sind beide tot, und der, für den sie noch leben, nimmt Anteil an dem alten Feuilleton.

Jeder, den es zur Zeitung drängt, denkt an das Feuilleton. Aber auch die Lorbeeren der Boulevardiers hängen, ziemlich hoch. Nach ihnen greifen kann nur, wer das simpelste Geheimnis der Zauberei gelernt hat: Aus dem Ärmel schütteln kann man nur Sachen, die man vorher hineingetan hat. Aus der Pistole schießen zu können ist die Kunst der Feuilletonisten. Es gibt zwei Sorten von Kunstschützen. Die einen treffen, und von der anderen sagt Polgar, sie malten um ihre Einschußlöcher Kreise und schössen auf diese Art immer ins Zentrum.

Der Feuilletonredakteur weiß, was gute und schlechte Feuilletons sind. Sein Wissen jedoch nützt ihm wenig. Wollte er sich seine Feuilletons allein schreiben, müßte er seinen Redakteurstuhl verlassen. Es ist ein echtes Dilemma. Erfüllt er seine Aufgabe richtig, dann verbringt er sein Leben damit, die echten Feuilletonisten immer wieder zu ermuntern, ihm echte Feuilletons zu schreiben. Drängt es ihn selber dazu, echte Feuilletons zu schreiben, dann kann er keine redigieren, er muß ja dann sein Leben dem Augenblick hingeben, der Inspiration und dem Vorbereitetsein für die Inspiration.

Der große Viktor Auburtin war so ein entlaufener Redakteur. Eine Panne erleichterte ihm den Entschluß. Er hatte den Schlußdienst in der Nachrichtenredaktion des "Berliner Tageblatt", als die Nachricht von der Entdeckung des Südpols einlief. Er brachte sie vierzeilig auf der letzten Seite unter "Vermischtes". Die andern Blätter hatten sie am nächsten Morgen, mindestens dreispaltig aufgemacht, auf der ersten Seite. Auburtin verteidigte seine Meinung, die Angelegenheit sei nicht so wichtig, als daß sie nicht auch am Tage nachher noch behandelt werden könnte, aber während seiner Verteidigung wurde ihm klar, daß er überhaupt eine ganz andere Meinung vom Wert und Charakter einer Nachricht hatte als viele andere Journalisten. Und so schlenderte er fortan durch Europa und schrieb über die Nachrichten, die ihn wichtiger zu sein dünkten als der Südpol, beispielsweise, daß es viele junge Mädchen gäbe, deren Iris, wenn man sie nur nahe genug betrachte, haargenau so aussähe wie eine einzelne Hyazinthenblüte, blau mit goldenen Punkten übersät.

Obwohl die Zeitungen dem Glücksfall des echten Feuilletonismus so selten gegenüberstehen, ist Hesses verärgerte Formulierung vom feuilletotistischen Zeitalter weitgehend akzeptiert werden. Der zerstreute Meister wollte sagen: Das Zeitalter des schlechten Feuilletonismus. Er kann nichts anderes gemeint haben, denn wenn in diesem Zeitalter alles so genau, so gebildet und unterrichtet, so witzig und graziös wäre wie etwa ein Feuilleton von Heinrich Heine oder Viktor Auburtin, dann hätten wir ständig das reine Vergnügen an unserer Zeit, das wir heute nur manchmal unter dem Strich unserer Zeitungen finden.