Auf dem Schwarzen Markt des Interzonenhandels werden in Berlin und in den Großstädten Westdeutschlands laufend große Posten Industriegüter und Lebensmittel aus den Sowjet-Aktiengesellschaften oder den Volkseigenen Betrieben zum Verkauf angeboten. Man will so in den Besitz der verbotenen, viel beschimpften und doch begehrten DM-West kommen. Die offizielle Einschaltung der deutschen Wirtschaftskommission, die diese illegalen Transporte mit den erforderlichen Transitpapieren versorgt, verspricht ansteigenden Absatz und damit größere Einnahmen an DM-West.

Zucker, der Bevölkerung in der Sowjetzone nur mangelhaft zugeteilt, wird bei Abnahme von 20 t mit 1,80 DM je Kilo ab Grenze angeboten, Reiseschreibmaschinen, deren Bedarf in der sowjetzonalen Wirtschaft nicht gedeckt werden kann, erscheinen mit 180 DM-West je Stück bei Abnahme von hundert auf dem illegalen Interzonenmarkt. Textilien aller Art, für die Bevölkerung der Ostzone nur zu unerschwinglichen Preisen in den HO-Geschäften zu kaufen, finden auch nach den diversen Textil-Schauprozessen von Meerane weiterhin laufenden Absatz im Westen.

Bei den Löhnen in Ostmark, die die Betriebe den Arbeitern und Angestellten zahlen, fällt das Unterbieten der Preise in Westmark nicht schwer; betragen doch die Kosten des Arbeitsaufwandes (Stundenlohn), abgesehen vom Material, nur etwa ein Drittel von den Kosten in Westdeutschland, Ein Arbeitsaufwand von beispielsweise 100 Arbeitsstunden zu 2,70 DM-Ost belastet das verkaufsfertige Objekt nur mit 45 DM-West (270:6), während zur Herstellung desselben Objektes im Westen bei durchschnittlich 1,40 DM Stundenlohn allein 140 Mark an Arbeitskosten erforderlich wären.

Die Westmark wird von den Russen gesucht, um wichtige Rohstoffe oder Fertigwaren (Stahl, Radioröhren usw.) einzukaufen. Zeitweilige große Westmarkangebote in den Berliner Wechselstuben seitens der russischen Beauftragten sollen stets den Kurs der Ostmark künstlich in die Höhe treiben. Aber schließlich kann die Westmark sogar zur Beschaffung der knappen Dollars verwendet werden.

Nimmt es da wunder, daß eine Berliner Reinmachefrau kürzlich in einer Aktentasche, die in der Linie; A der Berliner U-Bahn an der Endstation Pankow/Vinetastraße im letzten Wagen stehengeblieben war, 137 000 DM-West und einige Papiere fand, aus denen hervorging, daß der rechtmäßige Besitzer ein russischer Offizier in Karlshorst sei. Das war an sich peinlich für die Frau, denn der Besitz von Westmark ist auch in Pankow streng verboten und unter hohe Strafe gestellt. Die ehrliche Finderin lieferte pflichtbewußt am nächsten Tag Aktentasche und Geld dem Besitzer in Karlshorst aus und erhielt als Belohnung 3000 DM-Ost und einen vierwöchigen Erholungsurlaub in einem Kurhotel des FDGB in der Ostzone. "Ehrlich währt am längsten", mag die gute Frau gedacht haben ...

Sch.