London, im Juli

Der englische Schatzkanzler erklärte kürzlich im Parlament, daß eine der wichtigsten Dollareinnahmequellen Englands der sommerliche Fremdenverkehr wäre. Der Krieg, der die Vertreter vieler Nationen nach der Insel verschlagen hatte, ließ die Engländer aus ihrer traditionellen Fremdenfeindlichkeit erwachen, so daß der ausländische Besucher nicht länger für ihn ein verdächtiges Wesen ist, das durch andere Sitten und Gebräuche unliebsam auffällt. Nun ist es eine nationale Pflicht geworden, die Insel zu einem Fremdenverkehrsland erster Güte zu entwickeln. Es ist bekannt, daß das Land wunderbare Schönheiten aufweist. Dagegen ist es noch zu wenig verbreitet, daß England auch künstlerische Genüsse zu bieten hat, die sich keineswegs hinter den alljährlichen Festwochen von Salzburg, Venedig, Cannes oder Lugano zu verstecken brauchen.

In Edinburgh werden erneut festliche Kunstereignisse gegen Ende August durchgeführt werden, die nicht nur das Berliner Philharmonische Orchester zu Gaste sehen werden, sondern auch die komplette Aufführung des Düsseldorfer "Faust" mit Gründgens und der Hoppe. Bereits Anfang August werden auch die Shaw-Festspiele in Malvern Wiederaufleben, die uns eine englische Erstaufführung und eine Welturaufführung neuer Shaw-Stücke bringen werden.

Für den Theaterfreund sollte aber unbedingt ein Besuch der Shakespeare-Festspiele in seinem Geburtsort Stratford auf dem englischen Besuchsprogramm-stehen. Nirgendwo kann man zur Zeit bessere Aufführungen des englischen "Klassikers" sehen als im englischen "Weimar", nirgendwo bessere Ensemblekunst und modernere Regieversuche. Das Festspielhaus steht unter der Leitung des 35jährigen Anthony Quayle, der gleichzeitig Direktor, Regisseur und Schauspieler ist, eine Trinität, die nicht selten in England ist. Quayle ist sicherlich der prominenteste Schauspieler des englischen Nachwuchses, intelligent, hochbegabt und am kontinentalen Theater interessiert. Er sagte mir, daß er gern eine seiner Produktionen nach Deutschland brächte, wenn ihm jemand die Kosten garantieren würde. Ich bin sicher, daß eine Stratford-Tournee nach Deutschland eine bessere Vorstellung vom gegenwärtigen englischen Theater geben würde als jene zweitklassigen Gesellschaften, die augenblicklich oft in Deutschland gastieren.

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Hollywood hat es wieder einmal geschafft, einen Film zu drehen, den man lange nicht vergessen wird. Der "Schlangenpfuhl" befaßt sich mit der Behandlung von Geisteskrankheiten in amerikanischen Irrenanstalten. Das Filmthema bot einen Fall von manisch-depressivem Irresein, dem orthodoxe Freudsche Motive zugrunde liegen. Früheste Kindheitserlebnisse zerstören 25 Jahre später die Ehe einer jungen Frau, die als unheilbar in eine staatliche Anstalt eingeliefert wird, um dort durch modernste psycho-therapeutische Behandlung geheilt zu werden.

Dieses Thema hat sich in den letzten Jahren bereits einen Meinen Bart wachsen lassen. Neu ist indessen der soziale Kommentar über die Zustände in staatlichen Irrenhäusern Amerikas, der ernst und verantwortungsbewußt gegeben wird. Der Film ist in London in geschnittener Fassung gezeigt worden. So werden uns die Großaufnahmen der elektrischen Schockbehandlung erspart. Der Rest ist allerdings immer noch faszinierend. Dabei bietet der-Film nicht etwa echte Aufnahmen aus Irrenhäusern, sondern beruht allein auf schauspielerischen Leistungen. Kein Lob ist gering genug für Olivia de Havelland, die unter der Leitung des ehemals deutschen Regisseurs Anatole Litwak eine tour de force gibt, die zu einem Glanzpunkt filmischen Könnens geworden ist. Erschütternd ist die Photographie, die Effekte erzielt, die an Visionen Goyas oder "Höllen"-Breughels gemahnt. Alex Natan