Zu Beginn des zweiten Weltkrieges wurde Antoine de Saint-Exupery als Offizier in die französische Armee eingezogen; er diente als Aufklärungsflieger. Seine Erlebnisse schilderte er in dem Buch "Pilote de Guerre". Es hat während des Krieges Auflagen in allen Kultursprachen erlebt und wird hoffentlich eines Tages auch in Deutschland erscheinen. Das deutsche Lesepublikum dürfte darin einen der wundervollsten Beiträge zum zeitlich-überzeitlichen Erlebnis des zweiten Weltkrieges begrüßen. Das Buch ist, wenn man will, nichts als die dramatische Darstellung eines einzigen Erkundungs-Tieffluges nach Arras während des Frankreich-Feldzuges 1940. Auf dreihundert Seiten wird dieser Flug von wohl kaum zwei Stunden Dauer erzählt. Aber in dieser Erzählung ist alles zusammengedrängt, was ein Menschenherz bewegen kann und was vielleicht nur dann gefühlt und gedacht wird, wenn man auf der Grenze zwischen Leben und Tod steht.

Wenn man geneigt ist, dieses französische Buch als eine der bisher größten Leistungen ikarischer Literatur zu bezeichnen, so wohl deshalb, weil hier vielleicht der erste Schritt über das Ikarische hinaus getan ist und der Mensch, durch den Läuterungsprozeß des Ikarischen hindurchgeschritten, nun wieder nur als Mensch wirkt, aber durchaus Mensch des zwanzigsten Jahrhunderts. Kennzeichnend dafür sind Sätze, in denen dieser höchst differenziert denkende Flieger-Poet kulturelle Betrachtungen anstellt. So leidet er unter der Notlage Frankreichs beinahe körperlich. Doch sagt er sich nie von der Niederlage los, mag sie ihn auch oft beschämen: "Ich bin Frankreich, Frankreich hat Männer hervorgebracht, wie Renoir, Pascal, Pasteur, Guillemet, Hochedé." Der Mut zu dieser Zusammenstellung von Namen – die beiden letzten sind die berühmter Flieger – ist erstaunlich. Es gehört wohl eine ikarische Schau dazu; aber es macht sich hier auch die universalistische Schule André Gides bemerkbar.

Alle Gefühle und Gedanken kreisen immer wieder um die Menschen, den Menschen schlechthin. Bei diesem Kriegsflug, bei dem der Dichter Hunderttausende von fliehenden Landsleuten unter sich sieht, die, wie er schreibt, groteskerweise zum Teil von derselben deutschen Wehrmacht verpflegt werden, die bald darauf wieder die Männer der fliehenden Frauen und Kinder beschießen oder von ihnen beschossen werden, meditiert er immer wieder über den homo sapiens: "Was war aus dem hohen Ideal vom gottgeborenen Menschen geworden? Es ist unter dem Wust von Worten, die ihren Inhalt verloren haben, kaum noch zu erkennen..."

Der Ausklang dieses philosophischen Fliegerbuchs ist das hohe Lied eines neuen Ethos, des Ethos eines demokratisch-sozialen Jahrhunderts. Also lehrt Antoine de Saint-Exupery: "Wir müssen geben, ehe wir empfangen, wir müssen bauen, bevor wir wohnen können. Durch die Hingabe meines Blutes habe ich das Band der Liebe zu den Meinen geknüpft, wie die Mutter es knüpft durch die Hingabe ihrer Milch. Hierin liegt das Mysterium. Wir müssen mit dem Opfer beginnen, wenn wir der Liebe den Boden bereiten wollen. Dann mag die Liebe immer wieder Opfer fordern, wenn sie, um zu siegen, ihrer bedarf. Den ersten Schritt muß stets der Mensch machen, er muß geboren werden, um zu leben." Rolf Italiaander