Von Hanns Braun

Wer im Norden Deutschlands an Bayern als Reiseziel denkt, sieht im Geiste die Alpenkette vor sich, wie sie sich an einem schönen Föhntag im Starnberger, Tegern- oder Chiemsee spiegelt. Darüber kommen Landschaften zu kurz, die innerhalb und erst recht außerhalb Bayerns nur wenige kennen, obgleich sie es wahrhaftig verdienten, von allen Deutschen gekannt zu sein. Man kann es nicht einmal tadeln, daß sie vom Hochgebirgsteil des Landes gleichsam überschattet worden sind; denn eben damit ist viel Ursprüngliches, das sonst dem "Betrieb" geopfert worden wäre, dort noch erhalten geblieben. Eine Landschaft dieser Art ist die sogenannte "Fränkische Schweiz" – mit welchem heute fast altmodisch klingenden Attrappen-Namen jener Teil des (Franken und Schwaben durchquerenden) Juragebirges gemeint ist, der durch die Täler der Wiesent und Püttlach bestimmt wird und auf einer zwischen Forchheim-Ebermannstadt (südlich Bambergs) bis Pegnitz anzusetzenden Ost-West-Achse verläuft. In diesen Tälern besitzt Franken etwas Unvergleichliches: die romantische Landschaft schlechthin.

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Es mag mit dem Kalkgebirge zusammenhängen, daß hier wie nirgends sonst die Natur jenes Phantastische und Altdeutsch-Märchenhafte zeigt, das die Bilder Moritz von Schwinds widerspiegeln. Überall stehen wächtergleich über steilen Talhängen bizarre Felsgebilde, die wie Riesen anmuten, versteinert gleichsam in einer urzeitlichen Schrecksekunde. Tropfsteinhöhlen tun sich auf, versteckt hinter flirrendem Buchenlaub und zu Füßen zerklüfteter Wände, in denen Raubvögel nisten, eilen Forellenbäche am Rand üppiger Krautwiesen dahin. Und wenn auch der Mühlen und freistehenden Wasserräder nicht mehr so viele wie früher sind, die mit ihren Schöpfkellen das Naß über hölzerne Querrinnen auf die Hangwiesen leiten, so ist doch die Wiesent ein Fluß nach unserem Herzen geblieben: unverbildet strömt sie zwischen ihren Ufern dahin, staut sich um kleine Felsinseln, murmelt über Schnellen, tritt nach heftigen Gewittern auch einmal in die Wiesen aus und bewahrt dem vielgewundenen Tal das persönliche Gepräge.

Aber auch der Mensch mußte das Seine dazutun, diesen einzigartigen Charakter des Romantischen zu vollenden, und wer könnte sich selbst heute, wo Ruinen einen bitter-realen Sinn bekommen haben, dem Zauber entziehen, den die verwitternden Raubritterburgen über Streitberg oder aber, nach einer plötzlichen Kehre, die ragende Burg von Gößweinstein auf den Talwanderer ausüben. Es ist durchaus glaublich, daß Richard Wagner von diesem Anblick die Vision der Grabburg empfangen hat, und das Denkmal Viktor von Scheffels in Gößweinstein gemahnt den Spätergeborenen daran, daß auch der Ekkehard-Dichter zu den Liebhabern und Verherrlichern dieses Tals, wie so viele letzte Romantiker seines Jahrhunderts, gehört hat.

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Selbst die Weiterführung der Bahnlinie von Ebermannstadt bis fast ins Herz des Gebietes, nach Beringersmühle, hat das Bild weniger zerstört, als damals viele fürchteten. Unter den exzentrischen Verhältnissen der Nachkriegszeit befördert neben den Bus-Linien auch die Bahn nicht nur Güter, sondern auch viele Menschen, insbesondere deshalb, weil hier "hinten" untergekommene Flüchtlinge täglich an ihre Arbeitsstätten, nach Forchheim, Bamberg, Erlangen, hinaus- und wieder hereinfahren müssen. An Sonntagen kommen dann auch die Ausflügler aus Nürnberg-Fürth und Bamberg hinzu, die sich um Wallfahrer aus den Landgebieten noch beträchtlich vermehren, die sich in feierlicher Prozession vorwärtsbewegen, häufig von Musickapellen geleitet, die erst an der steilen Gößwennsteiner Bergstraße vom Blasen dispensiert werden. Ungeachtet der üppig-grünen Wiesentäler, denen Misch- und Buchenwälder einen Rahmen von heiterster Dichte geben, ungeachtet dessen ist die Fränkische Schweiz ein armes Land. Ebendarum war neben der Forellenfischerei der Fremdenverkehr eine Haupteinnahmequelle der Gegend, wenn man von Gößweinsteins besonderer Stellung als Wallfahrtsort absieht. Nun belegen die Flüchtlinge vorerst noch manchen Raum in Pensionen, Hotels und Privathäusern, der – ursprünglich dem Fremdenverkehr zur Verfügung stand. Immerhin haben sich die Verhältnisse im ganzen bereits gebessert. Während Streitberg (mit der nun wieder zugänglichen, elektrisch beleuchteten Bing-Höhle) zu den Orten gehört, die mehr Flüchtlinge als Einwohner haben, ist in Müggendorf das altbekannte Kurhotel schon wieder imstande, Gäste im Haus und in Privatquartieren unterzubringen, und ebenso verhält es sich in Beringersmühle, wo die "Post" und das Hotel "Stern" zunehmend über ihren Raum verfügen, und daneben noch einen starken, durch Autobusse von überallher genährten Passantenverkehr bewältigen. Der Freund erholsamer Abgeschiedenheit sieht sie begreiflicherweise mit gemischten Gefühlen an, diese KdF.-Nachfahren, die sich, wie lebendige Pakete, zu allen Schönheiten verfrachten lassen, statt sie aufzusuchen nach eigner Lust und Vorliebe.