Nun ist also das mehr hindernde als fördernde JEIA – Importsystem abgelöst durch das "open individual licence system". Gut ist dieses neue System auch nicht – bestenfalls ein schlechter Kompromiß, wie folgende Beispiele beweisen

Das ungarische Handelsbüro in Frankfurt, das die Westzonen-Ungarn-Geschäfte leitet, hatte bereits vor der öffentlichen Bekanntmachung von Einfuhrmöglichkeiten aus Ungarn alle Aufträge aus künftig zu erwartenden Dollar-Freigaben vergeben. Es muß also anscheinend deutschen Importeuren vorher bekannt gewesen sein, daß bestimmte Dollarbeträge für bestimmte Waren an einem bestimmten Tage aus einem bestimmten Land fällig sein würden.

Am 8. Juli hat der gemischte Einfuhrausschuß der Doppelzone unter der Kennziffer IAC 3128 50 000 $ für Heidelbeer-Einfuhren aus der Tschechoslowakei freigegeben. Am 9. Juli wurde dies bekanntgemacht mit der Feststellung, daß Anträge zur Erteilung von Einfuhrlizenzen bis zum 15. Juli einzureichen wären. Nach der Reihenfolge der Antragseingänge würden dann den Antragstellern auf dem Postwege die Lizenzen zugestellt, mit der Maßgabe, daß Verladungen ab tschechischer Abgangsstation erst nach dem 18. Juli erfolgen dürften. Bereits am 17. Juli aber waren Heidelbeeren, ausgefertigt nach der genannten Kennziffer, in Hamburg eingetroffen.

Die Erklärung für diese Vorgänge ist wohl darin zu sehen, daß jeweils eine Woche vor den Veröffentlichungen von Einfuhrmöglichkeiten die Modalitäten festliegen. In dieser Woche muß doch wohl viel hinter den Kulissen passieren...

Bei den Obsteinfuhren aus Italien ist es kaum anders. Nicht nur, daß deutsche Importeure, um bei dem Wettrennen um Dollarzuteilung und Vertragsabschluß rechtzeitig zur Stelle zu sein, durch das Stoßgeschäft sich die Preise verderben. Sie zahlen, über den Marktpreis hinaus, noch Prämien. Bis zu 2 $ Aufgeld haben sie freiwillig für eine Kiste Zitronen hinzugegeben. Und warum das alles? Die Obstexporte aus dem Süden haben am Brenner einen Kontrollpunkt zu passieren, an dem der Ausfuhrwert festgestellt wird. Ist das deutsche Dollar-Kontingent (bei der letzten Freigabe 350 000 8) erreicht, wird kein weiterer Wagen mehr abgefertigt. Um bei diesem Wettrennen nicht das Nachsehen zu haben, verlädt der italienische Exporteur die Ware bereits 8 bis 10 Tage vor der offiziellen Freigabe und stationiert sie am Brenner, damit der Waggon auf Abruf rolle. Das setzt natürlich wieder voraus, daß die Italiener von ihren deutschen Geschäftspartnern rechtzeitig unterrichtet sind. Und dieses "rechtzeitig" bedeutet, daß die Pläne des Einfuhrausschusses den Importeuren vor der offiziellen Veröffentlichung bekannt sind.

Irgendwo muß folglich von irgendwem das Dienstgeheimnis verletzt werden: das Wettrennen um die Einfuhrlizenz begünstigt das "graue" Geschäft. W–n.