Von Walter Abendroth

Solange es schon ein öffentliches Kunstleben und eine Publizistik gibt, so lange gibt es auch die öffentliche Kunstkritik. Und ebensolange schon schwankt die Bewertung dieser Kritik von Seiten der Künstler wie des Publikums zwischen Lobpreisung und Verdammung. Grundsätzlich ist der Kritiker in den Augen des Künstlers – auch des größten! – fein verdienstvoller, kenntnisreicher Mann, wenn er ihm die Bedeutung bestätigt, die er, der Künstler, sich selbst zuerkennt; oder ein unberufener, frecher Ignorant, wenn er von jener Bedeutung etwas abschneidet, gar wenn er sie bestreitet. Nur unter jungen Anfängern der Kunstübung kommt es gelegentlich vor, daß einer Aussetzungen an seiner Leistung als Anregung zur Selbsterkenntnis hinnimmt und sogar dafür noch dankbar ist. Genau so verhält sich das Publikum hinsichtlich der Behandlung seiner "Lieblinge" oder Schützlinge durch die Kritik.

Dem tadelnden Kritiker wird außer dem guten Willen und der Sachkenntnis – selbst wenn er sein Urteil einwandfrei begründet – besonders gern auch die Objektivität abgesprochen. Zugegeben, daß es im Kritikerberuf – wie in allen Berufen – auch einmal einen bestechlichen Menschen gibt; bestechlich weniger im groben, materiellen Sinne als vielmehr: bestechlich durch persönliche Beziehungen, gesellschaftliche Rücksichten und dergleichen – oder auch durch die Autorität eines "großen Namens". Allein diese Art der Bestechlichkeit wird nicht einmal so allgemein verurteilt; im Gegenteil: die Unempfänglichkeit für sie trägt (zumal in der "Provinz") dem Kritiker bisweilen mehr oder weniger sanfte Vorwürfe ein... Was aber heißt überhaupt im Falle der Kritik "Objektivität" – was kann es heißen? Es kann nur heißen, daß der Kritiker über das Handwerkszeug objektiver sachlicher Wertmaßstäbe verfüge als die Voraussetzung für seine Berechtigung, zu urteilen. Das Urteil an sich jedoch kann niemals absolut objektiv sein, da es nun einmal das Werk eines Subjekts, eines Individuums, möglicherweise einer "Persönlichkeit" ist.

Diese Tatsache könnte freilich zum Grund genommen werden, um die öffentliche Kritik als etwas schlechthin Unverantwortbares zu brandmarken, da sie ja nicht ohne Wirkung auf den Künstler, auf seine Stimmung, seine Unternehmungslust, seine öffentliche Geltung, ja seine gesamte Laufbahn ist. Mit dieser Begründung haben auch die Gewalthaber des "Dritten Reiches", im Bestreben, bei den Künstlern gut Wetter für ihr Regime zu machen, die Kritik verworfen und an ihrer Stelle die "Kunstbetrachtung" gefordert, die lediglich den Lesern die künstlerische Leistung zu "erklären", zu "vermitteln", mit andern Worten: zu empfehlen habe. Diese sogenannte Kunstbetrachtung war also eine zweite, bessere Propaganda; eine Reklame mehr neben derjenigen, die der Künstler oder sein Agent schon im voraus (unter Ausnutzung der rühmenden . Pressestimmen!) zu machen pflegt. Hier ergibt sich demnach die Situation, daß der Kunstleistung – die ja doch auch immer durchaus subjektiven Charakter hat – und ihrer Selbstanpreisung überhaupt kein Regulativ gegenübersteht und dadurch das Publikum in seiner eigenen Urteilsbildung noch hilfloser wird, als es ohnehin schon lange ist. Soweit es der betreffenden Leistung anerkennend, bewundernd gegenübersteht, sie gar als etwas Außerordentliches erkennt, muß es irritiert sein, wenn es andre, minderwertige Leistungen daneben mit annähernd gleichen Worten besprochen findet; soweit es das Nichtssagende oder Schlechte einer Leistung empfindet, muß es durch den lobenden (oder auch nur toleranten) Ton der Besprechung, der diese Leistung nicht oder nicht deutlich genug von der guten und bedeutenden abhebt, verwirrt werden. So war es denn auch damals; und das Ergebnis: eine weitere Schwächung des allgemeinen Urteilsvermögens und eine üppige Hochblüte des Mittelmäßigen und Minderwertigen. (Es hat manchen Kritiker in jener Zeit erstaunt, daß ihm in der Abwehr der ihm zugemuteten Rolle keine Hilfe von den "Prominenten" kam, denen es doch hätte peinlich sein müssen, mit Hinz und Kunz in einem Atem und einem Tonfall genannt, von ihnen nicht mehr deutlich unterschieden zu werden. Aber es zeigte sich, daß auch diesen Halbgöttern das Gefühl, niemals mehr irgendwo noch bemängelt werden zu dürfen, so viel wert war, daß sie darüber die Gleichstellung mit den "Kleinen" gern in Kauf nahmen.)

Die Epoche der "Kunstbetrachtung" hat auch bewiesen, daß der durch die Kritiklosigkeit verursachte allgemeine Schaden größer und verheerender ist als alles persönliche Übel, das gegebenenfalls etwa einem wirklich großen Künstler durch unverdiente kritische Herabsetzung, durch Verkennung und Verkleinerung zugefügt werden kann. Wenn das auch kein Trost für den Betroffenen ist und die Tragik eines solchen Falles um nichts mildert: derartige Fehlurteile – sie sind übrigens seltener, als man glaubt – und ihre Auswirkung korrigiert das Urteil der Nachwelt, und der Herabgesetzte steht, zur Blamage des irrenden Kritikers, in um so höherem Glanze vor dem Angesicht der Geschichte. Aber der Schaden der Kritiklosigkeit: die Abtötung alles Wertungsvermögens, die Aufhebung aller Maßstäbe, die Gleichsetzung des Größten mit dem Nichtigsten, macht den Boden der Empfänglichkeit unfruchtbar für Generationen, die dann auch nicht mehr imstande sind, die verfälschten Bilder, die Masse der ergangenen Fehlurteile – denn das sind doch wohl auch alle unterscheidungslosen "Betrachtungen" – zu revidieren, die überlieferten verzerrten Bilder wieder zurechtzurücken.

Darum kann nichts gefährlicher sein, als – wie es heute vielfach geschieht – die zweifelhafte (oder vielmehr verruchte) "Wohltat" des Kulturbonzen Goebbels zurückzuwünschen und gegen die Kritik grundsätzlich Sturm zu laufen, nur weil sie manchmal manchem wehetut. Denn – um es zu wiederholen –: ungerecht erscheint sie jedem, den sie trifft, sei es zu Unrecht, sei es zu Recht. Viel großer und irreparabler aber ist das Unrecht, das der Sache der Kunst geschieht durch Nachsicht gegen angemaßte Geltung und systematische Beschönigung des Schlechten und Schwachen zuungunsten des Guten und Starken. Auch Notzeiten rechtfertigen den Verzicht auf kritische Wertung nicht. Gerade sie erfordern im Gegenteil eine klare Scheidung dessen, was wert ist, erhalten zu bleiben, von dem, was entbehrt werden kann.