Von unserem Wiener Korrespondenten

Bei steigenden Wirtschaftszahlen läßt sich leicht "manipulieren". Hundert Schilling Lohn erscheinen zunächst mehr als neunzig; erst später entdeckt der Empfänger gegebenenfalls, daß er für die hundert Schilling weniger kaufen kann als vorher für neunzig. Auf diesem Denken in Nennwerten hat Österreich seine Lohn-Preis-Experimente aufgebaut.

Das erste Mal versuchte man es 1947. Man war in Bedrängnis. Man hatte nach dem Krieg Lohn und Preis nicht mehr fest genug am Gängelband gehalten, auch die offiziellen Zahlen stiegen von Tag zu Tag. Die Bürokratie war zufrieden, daß sie Ausnahmegenehmigungen ausstellen durfte – aber bald hatte jeder Lohn, jeder Preis seine "Ausnahmegenehmigung" zur Erhöhung, und die Dynamik wurde gefährlich. Da ließ man in vorgeschriebenen Grenzen alle Preise und Löhne steigen, verbesserte einige ganz unhaltbar gewordene Relationen und schuf eine neue, höher liegende Stopplinie, die eine Zeitlang ernst genommen wurde. Man hatte damit Zeit gewonnen, die Währungsreform vorzubereiten. Ja, man hatte durch die Maßnahme die Währungsreform selbst zum Teil vorweggenommen.

Dieses Experiment wurde 1948 wiederholt; jetzt vor allem, um einige zurückgebliebene Agrarpreise aufzubessern und den Mehraufwand im Haushalt durch Lohnerhöhungen abzulösen. Es war eine Miniaturauflage der Maßnahme von 1947. Der kleine Mehrlohn durfte diesmal nicht auf den Preis abgewälzt werden – die Industrie finanzierte also auf dem Umweg über Lohnerhöhungen die Preiszuschläge für die Landwirtschaft.

In den Motiven, in der Methodik und auch in der Wirkung anders geartet ist das dritte Abkommen, das nun ab Juni 1949 wirksam geworden ist. Der Anlaß war ein Fehlbetrag im Staatshaushalt: man muß dem Bürger etwas nehmen, um dem Staat etwas geben zu können. Diese schlichte Tatsache wurde in ein System verwirrender Berechnungen gebracht und wird in der Parteipropaganda nach Möglichkeit übergangen. Den Fehlbetrag durch Einsparungen, also Beamtenabbau, zu decken, geht wohl nicht an, weil im Herbst Neuwahlen sind und keine Partei eine so unpopuläre Maßnahme auf sich nehmen will.

Das Budget 1949 war leichtfertig-optimistisch aufgestellt worden. Es sind Einnahmen ausgeblieben und Ausgaben dazugekommen. Würde man nach den Etatsätzen weiterwirtschaften, müßten über zwei Milliarden zum Fehlen kommen (das wäre soviel wie die Hälfte der veranschlagten Steuereinnahmen oder etwa 10 v. H. des jährlichen Volkseinkommens). Man hat nun die Subventionen für Lebensmittel unterlassen und die Preise erhöht. Man hat neue Steuern verfügt, Post- und Bahntarife heraufgesetzt. Zum Ausgleich für diesen Mehraufwand wurden knapp 10 v. H. Aufschlag auf den niedrigsten Lohn, etwas weniger auf höhere Bezüge verfügt. Aber diese Erhöhungen von Lohn und Gehalt dürfen diesmal auf die Preise abgewälzt werden. Das heißt, der Lohnempfänger muß über eine zweite Welle sich selbst den "Mehrlohn" zahlen.