Von André Glavimans

Paris, im Juli

Nebenan urteilte man gerade über Otto Abetz, den deutschen Botschafter bei der Pétain-Regierung. In demselben kleinen, dumpfen Saal des Justizpalastes in Paris aber, in dem noch vor kurzem Victor Kravschenko zu beweisen hatte, daß er der Autor seines Buches "Ich wählte die Freiheit" sei, war jetzt ein Mann dabei, seine selbstgewählte Unfreiheit zu verantworten: Joseph Joinovici, der "Lumpenmillionär", wie ihn die französische Presse getauft hat. Ein kleiner, dicker, blasser Mann, von dem sein Ankläger sagte, daß er sieben Persönlichkeiten in sich vereine, nämlich: König des schwarzen Marktes, deutscher Agent, französischer Agent, Agent der Maquis, Finanzmann von Millionentransaktionen, Intrigant und anständiger Familienvater. Alle "sieben Persönlichkeiten" wurden wegen Belieferung der deutschen Besatzungsarmee mit Altmetallen in Zusammenarbeit mit der Gestapo zu fünf Jahren Gefängnis und 600 000 Francs Geldstrafe verurteilt. Die bürgerlichen Ehrenrechte sind dem 44jährigen Lumpenmillionär auf Lebenszeiten aberkannt worden, und von seinem riesigen Vermögen, das er in den wenigen Jahren seines Pariser Aufenthaltes durch Altmetallhandel, Schiebungen und Kollaboration anhäufte, fallen fünfzehn Millionen Francs an den französischen Staat.

Mit viel "publicity" war Joinovici freiwillig wieder nach Frankreich zurückgekehrt. – Ende 1947 hatte er sich, mit Ausweisen und Genehmigungen versehen, in die amerikanische Zone Deutschlands begeben, In Paris wurde er dann pünktlich verhaftet (wenn auch nicht so schnell wie es üblich ist – dafür sorgten seine guten Beziehungen). Und während ein Dutzend Kriminalbeamte und ihre Gehilfen zwei Jahre lang Indizien sammelten, mit denen man die Anklageschrift, die ein Gewicht von 45 kg hatte, zusammenstellte, benutzte Joinovici, wie er sagte, "diese erste Freizeit seines Lebens, um lesen und schreiben zu lernen". Deshalb konnte er wenigstens entziffern, was man ihm alles vorwarf.

Das Exposé der Anklageschrift umfaßte allein Sechsundsechzig dichtbedruckte Schreibmaschinenseiten.

Es ist kaum zwanzig Jahre her, da war der "Lumpenmillionär" noch arm wie ein Bettler, und die Großmutter seiner Frau lieh ihm dreihundert Dollar, mit denen er nach Clichy reiste, wo einer seiner Neffen sich schon niedergelassen hatte. Er war damals 24 Jahre alt. Joinovici ist 1905 in Kirchenev in Bessarabien als Sohn eines Wildhüters geboren. Als er seine Eltern bei einem Progrom verlor, nahm eine Wäscherin sich seiner an. Später wurde er Klempnerlehrling. 1925 heiratete er Eva Schwartz, eine Nachbarstochter aus dem Getto. Sie gebar ihm zwei Töchter und starb 1948. Seine zweite Ehefrau wurde während des Prozesses von drei maskierten Unbekannten erschossen.