Von Walter Bosshard

Unbestätigte Nachrichten der Weltpresse über eine Zusammenziehung sowjetrussischer, rumänischer und bulgarischer Truppen in Bessarabien, über die Konzentrierung ungarischer Kräfte an der jugoslawischen Grenze, über einen bevorstehenden Aufstand mazedonischer Revolutionäre gegen Tito über Verhandlungen zwischen Belgrad und dem Vatikan zeigen, wie sehr der Balkan wieder ins Zentrum des Interesses rückt. Von Albanien ist dabei bisher wenig die Rede gewesen. Doch könnte, was in diesem Lande vorgeht, für das Schicksal der Mittelmeerstaaten unter Umständen entscheidend werden.

Schon immer war Albanien für die Beherrschung des Mittelmeeres von größter Bedeutung. Wer immer Anspruch auf eine unbedrohte Herrschaft im Mittelmeerraum erheben will, muß im sicheren Besitz der albanischen Position sein, insbesondere der dem italienischen Otranto gegenüberliegenden Insel Saseno. Zumindest muß er diesen seestrategisch wichtigsten Punkt in der Adria zu neutralisieren wissen.

Aus diesen militärischen Erwägungen heraus haben seit Jahrhunderten die beherrschenden Mächte dieser Einflußzone immer wieder Albanien in Besitz genommen und solange, wie immer möglich, zu halten versucht. Schon Augustus hat erkannt, daß die Beherrschung der Adria vom Besitz Albaniens abhängt: so säumte er nicht, das kaum mehr als 27 000 Quadratkilometer umfassende, unwirtliche, gebirgige Ländchen unter seine Herrschaft zu bringen. Ihm folgten als uneingeschränkte Herren bis 535 die Ostgoten, die ihrerseits von Byzanz verdrängt wurden, das bis 1204 das Tor zur Adria in starker Hand hielt. Das 14. Jahrhundert sah die Serben die Wache beziehen und im 15. Jahrhundert erlag die abendländische Macht für lange Zeit dem türkischen Halbmond.

1912 konnte sich Albanien, dank dem gegenseitigen Mißtrauen und den Eifersüchteleien seiner Nachbarn, unabhängig erklären. 1925 wurde die Republik ausgerufen, die schon nach drei Jahren dem Staatsstreich von Zogu I. zum Opfer fiel. Doch diese Selbständigkeit konnte auch unter dem Schutze der Monarchie nicht ewig wahren. Der Kampf zwischen Italien und Jugoslawien um die beherrschende Einflußnahme in Albanien wurde durch den italienischen Überfall am Karfreitag 1939 beendet.

Mit der Waffenruhe nach dem zweiten Weltkrieg trat im Osten Europas – vom nördlichen Eismeer bis zu den Küsten des Mittelmeeres – ein neuer Machtfaktor in Erscheinung: Sowjetrußland. Dank der unverständlichen Haltung der Westalliierten ist es dem Kreml möglich geworden, seine Macht bis tief nach Europa hinein zu entfalten und seine Vorposten nicht nur bis ins Herz Deutschlands vorzutreiben, sondern sich auch in einigen Positionen im Mittelmeerraum festzusetzen. Wohl der gefährlichste Einbruch, der dem roten Diktator in diesem Gebiet gelang, ist die Besitznahme von Albanien.

Gleich zu Beginn der Konsolidierung ihrer europäischen Stellungen richteten die Sowjets ihr Augenmerk auf den albanischen Stützpunkt, und in dem auch anderwärts angeschlagenen Tempo rissen sie vorerst einmal die politische Macht durch die Marionettenfigur des Herrn Hoxha (Hodscha) an sich. Als dann der Herr des benachbarten Südslawien zum Apostaten an den Dogmen Stalins wurde, ging man in Moskau mit größter Eile und krassesten Machtmitteln auch an den strategischen Ausbau des für die sowjetischen Aspirationen wichtigen Vorpostens an der Adria.