Aus den Tagebucheintragungen der Abenteurer auf dem Pazifik

Der norwegische Ethnologe Thor Heyerdahl hat die Erlebnisse einer abenteuerlichen Floßfahrt von Peru über den Pazifischen Ozean zu den Südseeinseln, der Marquesas-Gruppe, die er vor zwei Jahren durchführte, jetzt im Ullstein-Verlag, Wien, in Buchform erscheinen lassen. "Die Zeit" berichtete damals bereits über dieses gewagte Unternehmen (Nr. 28 vom 10. Juli 1947) und schildert nun packende Einzelheiten der fast hundert Tage dauernden Fahrt über den Ozean, die beweisen sollte, daß die Besiedlung Polynesiens vor mehr als 1500 Jahren von Südamerika her erfolgt war.

Wo manches kleine Abenteuer endet, fing dieses große Abenteuer eigentlich an: Auf einer Hochzeitsreise. Am Strand von Fatuhiva, einer der kleinen polynesischen Inseln der Marquesas-Gruppe, saßen drei Menschen und schauten auf das endlose Meeer, das anscheinend nicht aufhören wollte, zu zeigen, woher es kam: hereinrollend vom Osten, getrieben vom ewigen Passat des Pazifiks. Da begann Teriieroo a Teriierooiterai, der letzte Häuptling von Tahiti, langsam zu sprechen: "Tiki", flüsterte er geheimnisvoll, "war Gott und Häuptling zugleich. Tiki war es, der unsere Vorväter auf diese Inseln gebracht hat. Früher wohnten wir in einem großen Land weit hinter dem Meer." In dieser Nacht durchfuhr Thor Heyerdahl eine ungewöhnliche Idee. "Liv", sagte er in das Dunkel der Pfahlbauhütte zu seiner jungen Frau, "hast du eigentlich gemerkt, daß die riesigen Steinbilder von Tiki droben im Dschungel auffallend an die mächtigen Steinplastiken in Südamerika erinnern, an die Reste längst ausgestorbener Kulturen?"

Die Kapazität sagt: "Nein"

Ja, so begann es. Thor Heyerdahl selbst berichtet es in seinem jetzt in deutscher Sprache erschienenen Buche "Kon-Tiki" (Ullstein-Verlag, Wien). Zehn Jahre unermüdlicher Studien folgten. Beweisstück für Beweisstück wurde zusammengetragen. Ein Weltkrieg brach aus und verlosch wieder. Aus dem jungen norwegischen Zoologen aber wurde ein Ethnologe; aus einer vagen Idee eine untermauerte Theorie: Die Besiedlung Polynesiens, eines der bislang ungelösten Rätseln der Wissenschaft, war nicht von Asien, Afrika oder gar Europa erfolgt, sondern von Südamerika ...

"Nein", sagte die Kapazität, "Niemals" und sah aus wie der Weihnachtsmann, dem jemand beweisen wollte, daß Heiligabend im nächsten Jahr auf Ostern fallen würde. "Wissen Sie auch warum? Die südamerikanischen Eingeborenen konnten diese Inseln niemals erreichen. Sie hatten keine Schiffe." – "Sie kannten Flöße aus Balsaholz", wandte Thor Heyerdahl ein. Die Kapazität lächelte: "Sie können ja einmal versuchen, mit einem Floß von Peru nach den Südseeinseln zu reisen."

Dieser Satz ließ den jungen Norweger nicht mehr los. Er begann mit den Vorbereitungen für eine der merkwürdigsten Expeditionen, die es je gegeben hat. Diplomaten und indianische Kopfjäger, spanische Senoritas, Trygve Lie und Militärs spielten bei diesen Vorbereitungen eine Rolle. Und eines Tages war es so weit: Im Marinearsenal von Call lag lag "Kon-Tiki", das Floß, das seinen Namen zur Erinnerung an jenen mächtigen Vorgänger der Inkas erhielt, der vor eineinhalb Jahrtausenden von Peru über das Meer nach Westen entschwand und in Polynesien wieder auftauchte. Groß und rot prangte das bärtige Antlitz des Sonnenkönigs auf dem einzigen rechteckigen Segel über dem fünfzehn mal fünf Meter großen Rumpf aus neun Balsastammen und der winzigen Hütte aus Bambus. Das Fahrzeug war eine getreue Kopie der alten Fahrzeuge aus Ekuador und Peru. Kein einziger Nagel war verwandt worden, keine Niete, keine Trosse. Sechs Männer standen auf den Planken zwischen Proviantkisten, Schlafsäcken, Photoapparaten, Frischwasser, nautischen Geräten und zwei wasserdichten Kurzwellensendern. Sechs Minner und ein Papagei. Keiner von ihnen war see-erfahren, die verschiedenen Fachleute prophezeiten, das Floß würde untergehen. In vierzehn Tagen spätestens würden alle Taue, die das Floß zusammenhielten, vom dauernden Arbeiten zerrissen sein, die Männer selbst würden beim ersten Orkan über Bord gewaschen werden; sicher aber würden sie in den zwei Jahren, die sie "mindestens" für die Überfahrt brauchten, von Salzwasser zerfressen sein. Es waren harte Argumente. Aber die sechs Männer waren sich einig. Sollte sich das Floß schon in der Bucht von Callao in seine Bestandteile auflösen, so wollten sie lieber jeder auf einem Hafen nach Polynesien paddeln, als in den Hafen voll schadenfroher Seebären, mitleidiger Mäzenen, grinsender Neugieriger und unerbittlicher Kameramänner zurückkehren. Am 28. April 1947 wurde das Schlepptau zwischen dem Schlepper "Guardian Rio" und dem Floß gekappt. 8000 Kilometer Wasser lagen vor "Kon-Tiki".