Beim Aufgehen des Vorhangs hört man: "137 Prozent!" Mit dem Rücken zum Publikum, die Augen auf eine Planskala gerichtet, sagt es Potapow, der Direktor einer Fabrik für Landmaschinen in Moskau. Der Vorhang ist von rotem Plüsch, und über ihn war vor dem Beginn des Stückes eine hurtige Leinwand gerollt, auf der ein unsäglich optimistischer Kulturfilm Moskau voll Heiterkeit, Lebenstüchtigkeit, Verkehrsfreude, Kinderseligkeit, Planerfüllungs-lust und anderem zeigte. "Der Moskauer Charakter" heißt das Schauspiel in sieben Bildern, das im Berliner "Haus der Sowjetkultur" diesem Lobgesang folgt, und sein Verfasser, Anatolij Sofronow, sitzt schon in der sowjetischen Literaturakademie, obwohl er noch zu der jungen Intelligenz des Landes gehört. Das Stück will ein literarisches Typenbild des "Fortschrittlichen Realismus" bieten, den die Sowjetliteratur als den Stil der Epoche preist. Und so sagt das Programmheft: "Die Menschen sind typisch für das Denken und Fühlen, für das Bewußtsein der neuen fortschrittlichen Vertreter der sozialistischen Gesellschaftsordnung. Wir lernen diese Menschen in ihrer Arbeit und in ihrem Privatleben kennen,"

Das sieht so aus: Der Leiter einer Maschinenfabrik hat eine Frau, die Leiterin des Gewerkschaftskomitees in einer Textilfabrik ist. Das Familienleben der Eheleute konzentriert sich auf die Besprechung der beiderseitigen Soll-Verpflichtungen in ihren Fabriken. Damit es menschlicher wirke, werden diese Gespräche, die zwischen dem Leitartikeljargon der "Prawda" und dem Schäkerton spätbürgerlichen Sentiments hin und her pendeln, mit ein paar Trallalas und Pfiffigkeiten verlängert. Doch diese Eheleute werden bald ihre Konflikte haben: nicht dort, wo sie die Tradition bürgerlicher Gesellschaftskulturen sucht. Sie liegen in der verschiedenen Auffassung von der Steigerung der Produktion. Der Ehemann nämlich hat sich mit seinem Oberingenieur in den Kopf gesetzt, den Fünfjahresplan in dreieinhalb Jahren zu erfüllen. Es gab zwar eine längere Debatte zwischen ihm, dem Oberingenieur und einem andern Mitarbeiter darüber – aber am Ende waren sie sich selig einig, daß sie es schaffen würden, schaffen müßten. Die Ehefrau hingegen setzt sich heftig dafür ein, daß er in seiner Fabrik eine eben erfundene, "die westlichen Einflüsse überflügelnde" Maschine Herstellung bunt bedruckter Kleiderstoffe in Betrieb nehme. Der Gatte sieht durch einen solchen zusätzlichen Plan seinen Überrundungsplan gefährdet.

Hier setzt die Komplizierungsmaschinerie der neuen Sowjetliteratur ein: der Erfinder der Textilmaschine ist nämlich zu allem Unglück auch noch der Schwiegervater des so tüchtigen Landmaschinen-Direktors. Daraus ersteht die Apotheose des neuen Ethos: Die Familie ist ein Schmarren, wenn der "Fortschritt" des Sowjetlandes es will. Vor dem Bezirksausschuß der Partei darf der Direktor frei und zornig sagen, daß er nicht daran denke, seine Produktion durch "Phantastereien" stören zu lassen. Der Ortssekretär der Partei stellt ihm alle freundlichen Urteile aus, die überhaupt nur denkbar sind. Präsidiert wird das Komitee von einer Frau, der Bezirkschefin, dem Ideal der gütigen, verstehenden und alles Krumme gerade biegenden Person: wohl das gute Denkmal für Mütterchen Partei. Doch die Sensation geht von der Gattin aus, die an der anderen Tischseite auf den Augenblick der Anklage gegen den Gatten wartet, die allerdings fürchterlich genug ist: "Du bist auf dem Wege, lieber Alexej", – und sie sagt es bewegt, aber zärtlich, mit dramatisch hauchender Stimme "kein guter Kommunist mehr zu sein". Es hat eine explosive Wirkung.

Natürlich folgt in den letzten Bildern die Einsicht, so daß am Schluß sich alles, alles zum sowjetischen Besten wendet.

Das eben, ist der "Moskauer Charakter" – wird oft in dem Stück gesagt. Er ist also redlich auf Produktion, sowjetische Leistungssteigerung, Überflügelung des Westens, Angst und noch mancherlei dergleichen gerichtet. Sie haben es leicht, die Moskauer Menschen dieses Stückes von heute; sie arbeiten einfach und halten sich den Schnickschnack von Empfindungen, Gefühlen und Problemen vom Leibe. Und wenn sie in dieser Hinsicht einen Rückfall erleben sollten, befragen sie die Genossin Deputierte oder gar den Bezirksausschuß der Partei. Die sind ja dazu da, alles zu wissen und weise zu entscheiden.