Wenn Stalin einmal sterben sollte... Ebensooft wie diese Annahme debattiert worden ist, ebensooft blieb die Erkenntnis, daß es bei allen Kombinationen über die Nachfolge des Generalissimus nur einen feststehenden Faktor gibt: Wer die Macht hat, der wird herrschen. Und dieses diktatorische Gesetz läßt Georgi Maximilianowitsch Malenkow automatisch in die vorderste Reihe der möglichen Bewerber rücken, Macht ist dem 48jährigen, sehr korpulenten und doch so beweglichen Manne längst kein Geheimnis mehr. Er hat um sie gekämpft, seit er 1919 in die Rote Armee eintrat und als politischer Kommissar Karriere machte. Er hat sie zum ersten Male gekostet, als er, emsig wie eine Biene, in den Säuberungen der dreißiger Jahre Material gegen die einstigen Größen des Regimes zusammentrug. Heute besitzt er sie. Sein außerordentliches Gedächtnis und seine ungewöhnliche organisatorische Begabung, seine systematische Arbeitsweise und seine lückenlose Kenntnis der Biographien aller führenden Sowjets haben ihn ebenso unentbehrlich wie gefährlich werden lassen. Seine Freundschaft mit dem obersten NKWD-Chef Beria macht ihn zum Favoriten. Als einer der stellvertretenden Ministerpräsidenten kontrolliert er verschiedene Zweige der sowjetischen Rüstungsindustrie. Wichtiger noch als alles dies aber ist seine Stellung innerhalb der Parteihierarchie: Mitglied des Politbüros, Sekretär des Zentralkomitees und Leiter der Kaderverwaltung (Personalabteilung) des Zentralkomitees. Dieses letzte Amt sichert ihm. die Eptscheidungsgewalt in allen Personalfragen nicht nur der Partei, sondern auch des gesamten Sowjetapparates, sogar in der Außenpolitik,

In der Rangliste der Mitglieder des Politbüros findet sich zwischen Stalin und ihm nur noch Molotow. Aber vieles spricht für die Annahme, daß der ehemalige Außenminister diesen Platz nur noch ehrenhalber einnimmt und tatsächlich längst von Malenkow überrundet wurde. Ein von der Weltpresse unbeachtet gebliebenes Ereignis gewinnt in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung. Anläßlich der Uraufführung des großen Stalingrad-Films wurde in sowjetischen Presse- und Rundfunkkommentaren sehr auffällig die Phase der Entsendung Malenkows nach Stalingrad durch Stalin hervorgehoben. In den meisten Sowjetdarstellungen der großen Schlacht war dieser Auftrag bisher überhaupt nicht erwähnt. Nun aber wird der Eindruck erweckt, daß erst die Mission des "getreuen Mitkämpfers" in einer kritischen Situation die Wendung zum Erfolg brachte. Damit rückt Malenkow in die Rolle des "großen Inspirators" auf.

In den Sowjetschulen lernt man seit vielen Jahren, daß Lenin im gefährlichsten Zeitpunkt des Bürgerkrieges seinen "getreuesten Schüler" Stalin 1919 an die Front von Zarizyn (Stalingrad) schickte, und erst dieser durch sein Eingreifen den Sieg im Bürgerkrieg endgültig, sicherstellte. Somit ergibt sich eine vielleicht nicht unbeabsichtigte Parallelität: Lenin-Stalin und Stalin-Malenkow, die übrigens auch im politischen Werdegang – vom Privatsekretär ins Politbüro und Generalsekretariat – vorhanden ist, ja möglicherweise sogar noch weiter geht. Malenkow hat nämlich eine bevorstehende-Änderung von Programm und Statut der Partei angekündigt, da sie "veraltet" seien. Er führt also zweifellos den scharfen Kurs seines im August 1948 plötzlich verstorbenen Rivalen Schdanow fort und muß damit als führender Kopf jener nationalbolschewistischen Parteikreise gelten, die die Tradition des großrussischen Imperialismus für sich u. Anspruch nehmen und ausgesprochen panslawistische und antisemitische Tendenzen vertreten. Politische Beobachter sind daher auf den XIX. Parteikongreß gespannt, der vermutlich Aufklärung darüber geben wird, was Malenkow unter "veraltet" versteht. Vielleicht werden die von ihm in Aussicht gestallten Änderungen des Statuts und des Programms der Partei darauf hindeuten, daß Stalin bereits der Gefangene seines Schülers ist, wie Lenin es war. Das würde die Parallelität vollenden. R. G.